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Es war ein europäischer Fußballabend, wie ihn die Fans in Liverpool lieben: Flutlicht, 53.100 Zuschauer, ein mitreißendes 3:1 (2:0) gegen den italienischen Außenseiter Derthona - und ein Trainer Kurt Kaiser, der nach dem Schlusspfiff so zufrieden grinste, als hätte er gerade persönlich den Ball ins Netz gedroschen. "Wir wollten von Minute eins an zeigen, wer hier das Sagen hat", sagte Kaiser später, "und das haben die Jungs ziemlich wörtlich genommen." Tatsächlich dauerte es keine sieben Minuten, bis das erste Mal der rote Jubel durchs Stadion brandete. Ewan Burton, der flinke Rechtsaußen mit dem ewigen Grinsen, schob nach feinem Zuspiel von Thomas Lester den Ball überlegt ins lange Eck. "Ich hab gar nicht gesehen, dass er kommt", lachte Burton anschließend, "ich hab einfach gehofft, dass Thomas mich findet - und er hat’s wieder getan." Derthona, trainiert von Max Italy, wirkte in dieser Phase wie ein Tourist, der im falschen Museum gelandet ist: staunend, aber chancenlos. Die Italiener hielten zwar tapfer dagegen, doch Liverpool spielte mit einer Selbstverständlichkeit, die an gepflegte Routine erinnerte. 54 Prozent Ballbesitz, 15 Schüsse aufs Tor - und eine Passquote, die jedem Statistikfreund Tränen in die Augen treiben dürfte. "Wir wollten ruhig bleiben", erklärte Kaiser, "aber ruhig heißt bei uns: mit Vollgas nach vorne." In der 32. Minute war es dann Lester selbst, der sich für seine Vorlage bedankte. Nach einer cleveren Ablage von Mittelstürmer Giulio Lorusso zog der 24-Jährige aus der zweiten Reihe ab - und der Ball zappelte im Netz. 2:0, die Tribünen bebten, ein Bierbecher flog (versehentlich, versteht sich). "Er hat’s trainiert", grinste Lorusso, "aber meistens landet der Ball auf dem Parkplatz." Wer dachte, Derthona würde sich nun ergeben, wurde kurz nach der Pause eines Besseren belehrt. In der 48. Minute überraschte Rechtsverteidiger Riccardo Albidona alle - inklusive seines Trainers - mit einem Distanzschuss, der sich über Keeper Leachman ins Tor senkte. "Wenn der zehnmal schießt, geht der neunmal auf die Tribüne", sagte Italy nach dem Spiel kopfschüttelnd, "aber heute war’s eben der eine." Das 2:1 brachte kurz Spannung zurück, und Liverpool wirkte für ein paar Minuten tatsächlich menschlich. Doch spätestens, als Salvatore Barbieri (Derthona) nach wiederholtem Foulspiel in der 82. Minute Gelb-Rot sah, war der Widerstand gebrochen. Davor hatte der italienische Verteidiger bereits Gelb gesehen und mehr Rasen umgepflügt als so mancher Gärtner. "Er meinte, er habe den Ball gespielt", erzählte Kaiser mit einem Schmunzeln. "Ich hab ihm gesagt: Ja, den Ball - in der nächsten Woche." Zuvor hatten die Reds längst wieder Kontrolle gewonnen. Filipe Arias, der smarte Linksaußen aus Portugal, machte in der 75. Minute den Deckel drauf. Nach einem langen Ball von Routinier Isaac Fairchild nahm Arias die Kugel volley und traf zum 3:1-Endstand - ein Tor, das so elegant war, dass man fast erwartete, der Ball würde sich höflich bedanken. "Ich hab’s gespürt, als der Ball kam", sagte Arias, "und manchmal muss man einfach nicht denken." Der Rest war Schaulaufen. Youngster Michael Warriner kam zu seinem Europadebüt, Aaron Simpson durfte hinten ein paar Minuten internationale Luft schnuppern. Und während die Fans "You’ll never walk alone" anstimmten (natürlich nur sinngemäß zitiert), blickte Trainer Kaiser schon auf die Viertelfinalauslosung. "Wir sind heiß", verkündete er. "Aber bitte nicht wieder ein italienisches Team - mein Blutdruck hat heute genug gelitten." Derthona-Coach Italy nahm’s sportlich. "Wir haben alles gegeben, aber Liverpool spielt in einer anderen Welt. Vielleicht in einer Galaxie." Dann grinste er verschmitzt: "Aber wenigstens haben wir ein schönes Tor geschossen - und das gegen diese Mannschaft!" Statistisch gesehen war es ein verdienter Sieg: 15:11 Torschüsse, 54 Prozent Ballbesitz, leicht bessere Zweikampfquote. Doch Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte - die andere Hälfte war pure Leidenschaft, ein bisschen Chaos und ein Schiedsrichter, der sein Gelb anscheinend im Sonderangebot gekauft hatte. Am Ende blieb die Erkenntnis: Liverpool ist reif für die nächste Runde, Derthona kann mit erhobenem Kopf nach Hause fahren. Und irgendwo in der Kabine summte Filipe Arias noch leise vor sich hin - angeblich die Melodie seines Traumtores. Oder, wie es Kapitän Fairchild auf den Punkt brachte: "Das war Fußball, wie er sein soll - mit Herz, Humor und drei Toren mehr als der Gegner." 23.10.643987 21:55 |
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