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Ein lauer Märzabend, Flutlicht über dem Steigerwaldstadion, 4.426 Zuschauer mit der Hoffnung auf einen Heimsieg - und am Ende wieder dieser Blick zwischen Ratlosigkeit und "nicht schon wieder". RW Erfurt verliert am 30. Spieltag der Oberliga H mit 0:1 gegen den FC Alsbach, der mit einer Mischung aus Effizienz und Abgeklärtheit die Thüringer an den Rand der Verzweiflung brachte. Das Tor des Abends fiel früh - in der 26. Minute, als Alsbachs Linksaußen Marcel Rausch seinem Namen Ehre machte. Nach einem schnellen Doppelpass mit Karl Conrad rauschte er durch die linke Spur, ließ Erfurts Innenverteidiger Christophe Marchand stehen und schob den Ball mit der Ruhe eines Mannes, der schon wusste, dass das heute reichen würde, flach ins lange Eck. Erfurts Keeper Horst Schramm streckte sich vergeblich - der Ball zischte vorbei, und die Gäste führten 1:0. "Ich dachte, er legt nochmal quer", sagte Schramm nach dem Spiel leicht gequält. "Aber er hat einfach abgezogen. Clever, muss man sagen." RW Erfurt reagierte durchaus: 51 Prozent Ballbesitz, 11 Torschüsse - eigentlich solide Werte. Doch das Problem war, dass aus "solide" nie "gefährlich" wurde. Andreas Kunze, der junge Rechtsaußen, rannte, dribbelte, schoss - allein zwischen der 31. und 65. Minute gleich fünfmal aufs Tor - aber immer war da noch eine Alsbacher Wade oder der sichere Rückhalt Larz Van Vleck im Weg. Trainer Mario Pingel stand an der Seitenlinie, die Hände tief in der Jackentasche, und murmelte irgendwann in der 70. Minute in Richtung seines Co-Trainers: "Wenn wir noch zehn Meter näher ans Tor dürften, vielleicht klappt’s ja dann." Ein ironischer Kommentar für ein Spiel, das genau so lief - nah dran, aber nie drin. Während Erfurt über die Flügel attackierte - wie es die taktische Marschroute vorsah -, blieb Alsbach stoisch bei seiner ausgewogenen Linie. Kein wildes Pressing, kein übertriebenes Risiko. "Wir haben einfach gewartet, bis sie selbst die Lücken aufmachen", grinste Torschütze Rausch später. Und genau das taten die Gastgeber auch, wenn auch ohne, dass Alsbach noch einmal Kapital daraus schlug. In der 54. Minute prüfte Timo Weise mit einem satten Schuss aus 18 Metern Erfurts Torwart, der glänzend parierte. Kurz darauf sah Jens Conrad Gelb, was ihn eher amüsiert als beeindruckt haben dürfte - "Ich hab ihm doch nur gesagt, dass er gut pfeift", scherzte er nach Abpfiff. Erfurt war bemüht, aber im Abschluss so harmlos wie ein Sonntagsspaziergang im Stadtpark. In der 85. Minute hatte Kunze noch einmal die große Gelegenheit, als er nach einer Flanke von Lucas Scherer den Ball per Kopf aufs Tor brachte - doch Van Vleck pflückte ihn herunter, als hätte er nie etwas anderes getan. Scherer selbst kassierte kurz darauf Gelb, nachdem er seinem Frust über eine vergebene Chance durch ein rustikales Einsteigen Ausdruck verliehen hatte. "Wir haben mehr getan, aber sie haben das Tor gemacht", resümierte Pingel nach dem Spiel und versuchte, dabei nicht zu bitter zu klingen. "Fußball ist manchmal einfach - und heute war’s zu einfach für Alsbach." Taktisch blieb Erfurt seiner Linie treu: viel Flügelspiel, kurze Pässe, Standard-Aggressivität - und Pressing nur, wenn’s fast schon zu spät war. Alsbach dagegen spielte das, was man in der Oberliga gerne "erwachsen" nennt: kein Spektakel, aber Effektivität in Reinform. Nach dem Schlusspfiff standen die Erfurter Spieler noch minutenlang auf dem Rasen, als wollten sie den Rasen persönlich fragen, warum der Ball heute nicht rein wollte. Vom Publikum gab’s dennoch Applaus - ein leises Zeichen, dass man die Mühe erkannt hatte, auch wenn der Ertrag ausblieb. "Wenn du elfmal aufs Tor schießt und keiner geht rein, dann war’s wohl ein Lehrabend in Sachen Effizienz", meinte Kapitän Marchand, bevor er in die Kabine verschwand. Der FC Alsbach hingegen feierte den Sieg, als wäre es ein Pokalfinale. "Ein Tor, drei Punkte - mehr wollten wir gar nicht", sagte Trainer (dessen Name die Presseabteilung leider nicht verraten wollte) mit einem Augenzwinkern. So endet ein Spiel, das in seiner Statistik fast ausgeglichen war - 51,6 Prozent Ballbesitz für Erfurt, 48,4 für Alsbach, Zweikampfquote leicht zugunsten der Hausherren -, aber eben mit einem klaren Sieger auf der Anzeigetafel. Erfurt schaut nun nach vorn, vielleicht auch ein bisschen nach innen. Denn wenn man das Runde nicht ins Eckige bekommt, hilft auch kein Flügelspiel der Welt. Und Alsbach? Die reisen heim mit drei Punkten, einem zufriedenen Torschützen und der Gewissheit, dass Minimalismus manchmal die schönste Fußballkunst ist. Man könnte sagen: Es war kein Feuerwerk, aber ein Streichholz hat gereicht, um Erfurts Hoffnung anzuzünden - und gleich wieder zu löschen. 22.08.643993 13:40 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler