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Es war ein kalter Februarabend in Wien, doch auf dem Rasen glühte es grün-weiß. Rapid Wien hat am 17. Spieltag der 1. Liga Österreich den FC Höchst mit 3:0 abgefertigt - und das Ergebnis schmeichelt den Gästen fast noch. 45.364 Zuschauer verwandelten das Weststadion in einen Hexenkessel, in dem sich Rapid nach Herzenslust austoben durfte. Schon nach wenigen Minuten zeichnete sich ab, wer Herr im Haus war. Rapid begann, wie man es von einer Mannschaft mit "offensiver Ausrichtung" erwartet: mit Dampf, Tempo und einer Prise Selbstbewusstsein, die man in Wien gerne "Schmäh" nennt. Höchst dagegen stand tief, sehr tief - so tief, dass Torhüter Alexandre Marchand vermutlich die meisten Ballkontakte mit seinen eigenen Verteidigern hatte. "Wir wollten kompakt stehen", erklärte Gästecoach Ronnie Ekström nach der Partie. "Aber irgendwann war das eher ein Picknick im eigenen Sechzehner." Die ersten Chancen ließen nicht lange auf sich warten. Dirk Fuhrmann prüfte Marchand in der 9. Minute, Walther Reuter zimmerte den Ball in der 23. Minute knapp vorbei. Der Druck wurde größer, der Lärm lauter - und in der 29. Minute brach Rapid den Bann. Fuhrmann, quirlig wie ein Espresso nach Mitternacht, verwertete einen präzisen Pass von Sebastian Wasilewski zum 1:0. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Fuhrmann später. "Der Ball war drin - und das ist ja meistens ein gutes Zeichen." Keine zwei Minuten später erhöhte Walther Reuter auf 2:0, nach feinem Zuspiel von Harald Friedrich. Der 21-Jährige wirbelte auf der rechten Seite, als wäre er allein auf einer Tanzfläche. "Ich hab kurz überlegt, ob ich noch tanzen soll, aber dann hab ich lieber geschossen", witzelte Reuter im Rapid-TV-Interview. Höchst versuchte, die Ordnung zu bewahren, doch Rapid ließ den Ball zirkulieren, als würde er an einem unsichtbaren Gummiband hängen. 60 Prozent Ballbesitz und 12 Torschüsse sprechen eine klare Sprache. "Das war heute fast schon Lehrbuch-Fußball", schwärmte Rapid-Trainer Robert Lechner - um dann trocken nachzuschieben: "Na ja, ein Wiener Lehrbuch halt, mit ein paar Schmähs dazwischen." In der zweiten Halbzeit änderte sich wenig. Rapid blieb offensiv, Höchst blieb defensiv - mit dem Unterschied, dass der Gast jetzt auch noch müde wirkte. In der 50. Minute sorgte Frank Schrader für die endgültige Entscheidung. Nach schöner Vorarbeit des jungen Matthias Schmitz traf der Mittelstürmer aus kurzer Distanz. 3:0, die Messe war gelesen. Schrader ballte die Fäuste, Schmitz fiel ihm in die Arme, und auf der Tribüne sang man schon über Tabellenplätze, die man besser nicht laut ausspricht. Höchst wechselte in der Folge gleich dreimal, brachte mit Jürgen Held, Filippo Platania und Robert Bossong frische Beine - aber keine frischen Ideen. Zwei magere Torschüsse standen am Ende zu Buche, einer davon in der 56. Minute, abgegeben von Adriano Ramallo, der Rapids Keeper Nestor Gonzalo zumindest einmal zum Strecken zwang. "Wenn du nur zweimal aufs Tor schießt, ist das wie ein Lottoschein ohne Kreuzerl", meinte Ekström resigniert. Ein bisschen Farbe kam durch die Karten ins Spiel: Mert Karan sah früh Gelb, Wasilewski später ebenso, und Benyamin Neumann kassierte in der Nachspielzeit noch eine unnötige Verwarnung - vermutlich aus Langeweile. "Ich hab nur laut gelacht", rechtfertigte sich Neumann. "Aber offenbar war das zu aggressiv." Am Ende jubelte Rapid verdient - und das Publikum feierte seine Helden, als hätten sie gerade die Champions League gewonnen. 3:0, 60 Prozent Ballbesitz, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Zahlen, die in Wien schmecken wie ein Heuriger nach einem langen Tag. Gästecoach Ekström nahm es mit Galgenhumor: "Wir haben uns vorgenommen, Rapid das Leben schwer zu machen. Das ist uns gelungen - für etwa fünf Minuten." Und Trainer Lechner? Der lächelte, legte den Arm um Torschütze Fuhrmann und sagte: "Wenn wir weiter so spielen, müssen wir aufpassen, dass uns die Liga nicht zu klein wird." Ein Satz, der in Wien sicher noch ein paar Tage nachhallen wird - irgendwo zwischen Selbstironie und berechtigtem Stolz. Schlusswort? Rapid Wien hat an diesem Abend nicht nur ein Spiel gewonnen, sondern auch das Publikum verzaubert. Und wenn man ehrlich ist: Ein bisschen Wiener Schmäh im Fußball kann der Liga nur guttun. 01.12.643990 03:09 |
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Jeder kann sagen, was ich will.
Otto Rehhagel