// Startseite
| Haaretz Sports |
| +++ Sportzeitung für Israel +++ |
|
|
|
Es war einer dieser Abende in der 1. Liga Israel, an denen man die Krawatte des Trainers am liebsten als Pulsfühler benutzen möchte. Ramat HaSharon und Tirat Carmel FC trennten sich vor 32.000 Zuschauern mit 2:2 - ein Ergebnis, das wohl niemand so richtig einordnen konnte. Zu viel Kampf, zu viele Chancen, zu viele "Was war das denn gerade?"-Momente. Schon in der zwölften Minute zappelte der Ball erstmals im Netz - allerdings im Tor der Gastgeber. Claude Gaudin, der bullige Mittelstürmer der Gäste, nutzte einen Pass von Ivica Jovanovic und schob eiskalt ein. "Wir wollten früh Druck machen, und Claude hat das perfekt umgesetzt", lobte Gästecoach Babsi Klemm später mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Erleichterung pendelte. Doch Ramat HaSharon reagierte wie ein Boxer, der einen Haken kassiert und dann beschließt, dass jetzt Schluss mit Nettigkeiten ist. Nur vier Minuten später hob Innenverteidiger Manuel de los Reyes den Ball gefühlvoll in den Strafraum, wo Jossi Bar-Lew lauerte und den Ausgleich markierte. "Ich hab einfach gehofft, dass der Ball mich findet - und er hat’s getan", grinste Bar-Lew, der sich kurz darauf von seinen jubelnden Mitspielern fast erdrückt sah. Von da an war Feuer drin. Die Hausherren übernahmen das Kommando, hatten etwas mehr Ballbesitz (54 Prozent, wenn man’s genau wissen will) und spielten mutiger nach vorne. In der 39. Minute krönte Antonio Dominguez eine sehenswerte Kombination über Finlay Hoskins mit einem platzierten Schuss ins linke Eck - 2:1. Das Stadion bebte, und sogar der sonst stoische Trainer der Gastgeber riss die Arme hoch. Die zweite Halbzeit begann mit einem Experiment der Gäste: Doppeltausch, Doppelhoffnung. Trainerin Klemm brachte Joel Cantwell und Rahim Erkin, um frischen Wind über die Flügel zu bringen - und tatsächlich, Tirat Carmel wurde bissiger. "Ich hab ihnen gesagt, sie sollen einfach draufhalten", verriet Klemm später. Und genau das tat Cantwell in der 67. Minute. Nach cleverem Zuspiel von Namensvetter Joel Miller drosch er den Ball aus halbrechter Position humorlos unter die Latte. 2:2 - und plötzlich waren die Rollen vertauscht. Ramat HaSharon wirkte überrascht, fast beleidigt. Zwar hatten sie weiter ihre Momente - Dominguez prüfte Torhüter Edward Whitman in der 64. Minute, Bar-Lew verpasste kurz darauf nur knapp - aber das Spiel kippte in Richtung der Gäste. Tirat Carmel feuerte insgesamt zwölf Mal auf das Tor, während die Hausherren bei sieben Abschlüssen blieben. "Wir haben den Punkt verdient", meinte Cantwell nach dem Abpfiff. "Auch wenn Trainerin Babsi meinte, ich soll eigentlich erst bei 70 Prozent riskieren - na ja, ich war eher bei 90." Klemm selbst kommentierte das trocken: "Wenn meine Spieler auf mich hören würden, wären wir Letzter. Also alles gut." Ramat HaSharons Coach, der lieber anonym bleiben wollte ("Schreiben Sie einfach, der Frustrierte an der Seitenlinie"), sah es anders: "Wir hatten das Spiel im Griff, aber dann haben wir das 2:2 hergeschenkt. Vielleicht sollten wir anfangen, auch nach der 60. Minute noch Fußball zu spielen." Zum Schluss wurde es noch einmal ruppig - Leandro Djalo von Tirat Carmel hatte sich schon früh eine Gelbe Karte abgeholt, und Vitorino Aguas von Ramat HaSharon tat es ihm in der 49. Minute gleich, offenbar aus Solidarität. Die Szene, in der beide nach dem Spiel lachend ihre Karten austauschten, könnte Symbolcharakter haben: viel Einsatz, wenig Zorn, am Ende ein faires Remis. Dramatik bot das Spiel bis in die Schlussminuten: In der 88. Minute verletzte sich Tirats Stürmer Isidoro Oliveira unglücklich am Knöchel. "Ich wollte eigentlich noch ein Tor machen, aber mein Fuß hatte andere Pläne", witzelte er später mit einem Eisbeutel auf dem Knöchel. Als der Schlusspfiff ertönte, blieb ein Gefühl von: Das war mehr als ein 2:2. Zwei Teams, die sich nichts schenkten, eine Trainerin mit Mut zum Risiko und ein Publikum, das jeden Sprint feierte, als ginge es um die Meisterschaft. Und irgendwo auf der Tribüne sagte ein älterer Herr mit Schal und Sonnenbrille: "So spielt man kein schönes Spiel - aber ein ehrliches." Besser hätte man’s nicht zusammenfassen können. Denn ehrlich war dieses 2:2 allemal - mit allem, was dazugehört: Torjubel, Schweiß, Flüche und ein bisschen Fußballromantik zwischen Latte und Leidenschaft. 23.10.643987 22:35 |
Sprücheklopfer
Gegen uns hätten wir auch gewonnen.
Klaus Allofs