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Es war einer dieser Abende, an denen Fußballromantiker und Statistikfreunde gleichermaßen auf ihre Kosten kamen - jedenfalls bis zur 89. Minute. Dann verwandelte sich das Stadion von Tirat Carmel in ein Meer aus enttäuschten Gesichtern und zerknirschtem Schulterzucken. Die Ramat Gan Reds gewannen beim Tirat Carmel FC mit 2:1 (0:0) - dank eines späten Treffers von Jason Probst, der sich anschließend wie ein Rockstar feiern ließ. Dabei hatte alles so gut begonnen für die Gastgeber. 43.807 Zuschauer sahen, wie sich das Team von Trainerin Babsi Klemm in der ersten Halbzeit geschickt gegen die anrennenden Reds stemmte. Beide Mannschaften spielten offensiv, beide suchten den Weg zum Tor - aber so richtig zündete es erst nach der Pause. "Ich habe in der Kabine gesagt: Wenn wir nicht treffen, dann wenigstens das Tornetz warm spielen", verriet Klemm später mit einem schiefen Lächeln. In der 51. Minute war es dann soweit: Frans Dahl, der flinke Linksaußen der Carmeliten, entkam seiner Bewachung und hämmerte den Ball aus zwölf Metern in den rechten Winkel. Es war ein Tor, wie man es in den Jugendtrainingsfilmen zeigt: mutig, präzise, unhaltbar. Torhüter Otto Uggla von den Reds streckte sich vergeblich - und das Stadion bebte. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Dahl später, "und gehofft, dass niemand merkt, dass ich eigentlich flanken wollte." Doch wer glaubte, dass die Reds geschockt wären, der kennt Trainer John Porno schlecht. Der Mann, dessen Nachname in jeder Pressekonferenz für betretenes Husten sorgt, blieb gelassen. "Wir sind nicht hier, um hübsch auszusehen", erklärte er. "Wir sind hier, um Punkte mitzunehmen." Und genau das tat seine Mannschaft. Die Gäste erhöhten den Druck, gewannen leicht die Ballbesitzstatistik (50,3 % zu 49,7 %) und feuerten Torschuss um Torschuss ab - 16 insgesamt, fast doppelt so viele wie Tirat Carmel (9). Vor allem Mittelfeldmotor Massimiliano Di Paolo trieb das Spiel unermüdlich an. In der 70. Minute belohnte er sich selbst: Nach einem feinen Zuspiel von Rechtsverteidiger Benjamin Levinger zog Di Paolo aus 20 Metern ab - flach, präzise, 1:1. "Ich liebe diese Distanz", sagte der Italiener später mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Überheblichkeit pendelte. "Da kann man den Ball noch riechen, bevor er einschlägt." Tirat Carmel wirkte danach verunsichert. Espen Brinkerhoff versuchte es noch aus der Distanz (71.), Joel Cantwell setzte zwei Schüsse knapp neben das Tor (78. und 83. Minute) - doch die Leichtigkeit war weg. Auf der Bank gestikulierte Babsi Klemm wild, während ihr Gegenüber Porno stoisch auf seine Uhr starrte. Dann kam die 89. Minute, und mit ihr der Moment, über den in Ramat Gan wohl noch lange gesprochen wird: Wieder war es Levinger, der von rechts einen butterweichen Ball in den Strafraum zirkelte. Jason Probst, der schon in der ersten Halbzeit mit einer Gelben Karte und mehreren vergebenen Chancen aufgefallen war, stieg am höchsten und köpfte zum 2:1 ein. Jubel bei den Reds, kollektives Verstummen bei Tirat Carmel. "Ich dachte, der Ball sei zu hoch", gab Probst zu. "Aber dann hat er mich einfach gefunden - wie eine verflossene Liebe." Schiedsrichter Pfeifer pfiff kurz darauf ab, und die Reds lagen sich in den Armen. Die Statistik sprach am Ende eine klare Sprache: mehr Schüsse, mehr Zweikämpfe gewonnen (51,6 %), mehr Kaltschnäuzigkeit. Trainerin Klemm suchte nach Worten. "Wir haben gut gearbeitet, aber Fußball ist kein Wunschkonzert", sagte sie. "Manchmal kriegst du die Melodie, aber nicht den Refrain." Ihr gegenüber grinste John Porno zufrieden: "Ich hab meinen Jungs gesagt: Wenn ihr bis zum Schluss rennt, werdet ihr belohnt. Und heute war’s die 89. Minute. Perfektes Timing." Für Tirat Carmel bleibt die Erkenntnis: gut gespielt, schön kombiniert, aber am Ende doch mit leeren Händen. Für Ramat Gan hingegen ist der Auswärtssieg ein kleiner Befreiungsschlag - und vielleicht der Beginn eines Laufs, über den man später sagen wird: Es begann in Tirat Carmel, an einem Abend, an dem die Reds das Glück fanden, das den Gastgebern entglitt. Oder, wie ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions murmelte: "Wir hätten das Ding im ersten Durchgang klarmachen müssen." Neben ihm nickte jemand und fügte trocken hinzu: "Ja, aber dann wär’s ja kein Fußball gewesen." 19.01.643994 03:44 |
Sprücheklopfer
Es ist mir völlig egal, was es wird. Hauptsache, er ist gesund.
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