// Startseite
| Außenseiter |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war ein kalter Februarabend in Wadern, an dem 3296 Zuschauer die Oberliga H plötzlich gar nicht mehr so "oberligatauglich" fanden - jedenfalls nicht aus Sicht der SG Wadern. Trotz beherztem Auftritt und nahezu ausgeglichenem Ballbesitz (49,9 zu 50,1 Prozent) musste sich die Heimelf am 11. Spieltag mit 0:1 gegen Rot-Weiss Essen geschlagen geben. Und das, obwohl sie über weite Strecken das Spiel im Griff zu haben schienen - oder zumindest glaubten, es zu haben. Das goldene Tor erzielte ausgerechnet ein 17-jähriger Teenager, der aussieht, als würde er nach dem Spiel noch Hausaufgaben machen: Nelson Ramallo. In der 62. Minute traf er nach feinem Zuspiel von Phillip Berg - und ließ Waderns Keeper Herbert Neumann keine Chance. "Ich hab einfach draufgehauen", grinste Ramallo hinterher, als wäre das Ganze ein Pausenkick auf dem Schulhof gewesen. Trainer Luca Orlando von RWE kommentierte trocken: "Nelson spielt, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Vielleicht sollte er das auch lieber nicht." Dabei hatte Wadern gar keinen so schlechten Start. Heinrich Stahl prüfte Essens Keeper Guillermo Contreras früh in der achten Minute, und Raphael Huber zwang ihn kurz vor der Pause noch einmal zu einer Glanzparade. Doch das war’s dann auch mit den gefährlichen Abschlüssen - vier Schüsse aufs Tor stehen am Ende in der Statistik, während Essen satte 16 Mal abzog. "Wir wollten kontrolliert spielen", sagte Waderns Kapitän Batu Sabankay nach dem Abpfiff. "Aber irgendwann kontrollierst du halt nur noch, wie dir der Gegner davonläuft." Ein Satz, der den Spielverlauf treffend beschreibt. Denn während die SG geduldig hinten heraus kombinierte, nutzte Essen jede Gelegenheit zum Vorstoß. Besonders Maurice Harrington, der 19-jährige Linksaußen, rannte die rechte Seite der Waderner in Grund und Boden, auch wenn ihm das Tor verwehrt blieb. Essen dominierte spätestens nach der Pause deutlich, auch dank frischer Kräfte: Coach Orlando brachte gleich zwei neue Spieler zur Halbzeit und stabilisierte die Defensive mit dem jungen Eduard Iwanow. Kurz darauf folgte die entscheidende Szene: Phillip Berg, der gerade noch gegen die Kälte ankämpfte, schob den Ball in die Tiefe, Ramallo startete, sah Neumann kommen - und lupfte den Ball frech ins Netz. 1:0. Es war sein erstes Tor in der Oberliga, und man hatte das Gefühl, er selbst konnte es kaum glauben. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", murmelte Waderns Trainer - der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen wollte - in der Pressekonferenz. "Aber dann lag er halt im Netz. Ärgerlich, ja, aber was willst du machen?" Seine Elf versuchte danach noch einmal alles, doch wirklich zwingend wurde es nicht mehr. Heinrich Stahl versuchte es in der 55. Minute mit einem Distanzschuss, aber auch der Ball landete in den Händen von Contreras, der ansonsten eher einen ruhigen Abend verbrachte. RWE hätte das Ergebnis sogar noch höher schrauben können. Nick Richter und Agemar Henrique vergaben in der Schlussphase beste Chancen, und in der Nachspielzeit drosch Harrington den Ball aus fünf Metern über das Tor - sehr zur Belustigung der mitgereisten Essener Fans, die ihn dennoch feierten, als hätte er gerade die Meisterschaft entschieden. Taktisch blieb das Spiel auf beiden Seiten erstaunlich ähnlich: Beide Teams im ausgeglichenen 4-4-2, beide mit balanciertem Angriffsspiel, beide bemüht, die Fehlerquote niedrig zu halten. Nur: Essen hatte eben den einen Spieler, der den Unterschied machte. "Wir sind jung, aber wir lernen schnell", meinte Orlando, als er schon mit halb eingefrorenen Fingern den Mannschaftsbus bestieg. "Und wenn du ein Spiel gewinnst, in dem du 16 Schüsse aufs Tor hast, aber nur einmal triffst - dann weißt du, was du nächste Woche zu trainieren hast." In Wadern dagegen herrschte Ernüchterung. Einige Fans riefen den Spielern aufmunternd zu, andere zogen schweigend die Mützen tiefer. Sabankay versuchte es mit Galgenhumor: "Immerhin war’s kein Eigentor." Am Ende blieb das Gefühl, dass Wadern an diesem Abend nicht schlecht war - nur nicht gut genug. Essen war jung, frech und effizient. Ein 17-Jähriger entschied ein Spiel, das sonst wohl niemand entschieden hätte. Und so ging ein kalter Abend mit einem heißen Schuss zu Ende, der vielleicht den Beginn einer kleinen Karriere markiert. Oder wie ein Zuschauer beim Hinausgehen murmelte: "Früher haben wir gegen Männer verloren. Heute reichen schon Schüler." 22.09.643990 15:55 |
Sprücheklopfer
Wir spielen hinten Mann gegen Mann, und ich spiel gegen den Mann.
Olaf Thon