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Wenn man an einem milden Frühlingsabend über 40.000 Zuschauer in ein Stadion bekommt, dann muss es entweder Freibier geben oder Fußball in seiner launischen Form. In Santander war es Letzteres. 41.539 Fans sahen ein 1:1 zwischen Racing Santander und Lanzarote CF - ein Spiel, das alles bot, was man an der 1. Liga Spaniens liebt: nervöse Abwehrreihen, jugendlichen Übermut und einen Trainer, der seine Wasserflasche in der 60. Minute weiter trat als mancher Spieler den Ball. Beide Teams begannen mit offenem Visier. Schon nach drei Minuten prüfte César Godo mit einem satten Schuss den Lanzarote-Keeper Vincent Maurice, der den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte lenkte. "Ich wollte gleich zeigen, dass wir da sind", grinste Godo später. Die Antwort der Gäste ließ nicht lange auf sich warten: James Young, Lanzarotes quirliger Rechtsaußen, tauchte in der fünften Minute gefährlich vor dem Tor auf. Der Ball zischte knapp am Pfosten vorbei - und Racing-Trainer Florian Kappels atmete hörbar aus. Die Statistik zur Pause sprach Bände: 7 Torschüsse für Santander, 11 für Lanzarote, Ballbesitz fast pari - 50,7 zu 49,3 Prozent -, doch Tore? Fehlanzeige. Ein 0:0, das so gerecht war wie langweilig. "Wir mussten ruhig bleiben", sagte Lanzarote-Coach Meister Leverkusen, dessen Name die Journalisten im Presseraum zu allerlei Bonmots inspirierte. Dann kam die 52. Minute. Alfred Detari, der linke Mittelfeldspieler der Gäste, setzte sich auf der Außenbahn durch, flankte mit der Präzision eines Uhrmachers, und Enrique Peñas traf volley zum 1:0 für Lanzarote. Der Gästeblock, rund 500 rotgewandete Insulaner, explodierte. "Ich hab den Ball gar nicht richtig gesehen - nur gespürt", lachte Peñas später. Doch Racing reagierte - und das buchstäblich jugendlich. Nur sieben Minuten später brachte Kappels den 19-jährigen Isidoro Pascual für den erfahrenen Godo. Und dieser Pascual, kaum auf dem Platz, nahm sich den ersten Ball, zog von links nach innen und schlenzte ihn aus 18 Metern in den Winkel. 1:1. Das Stadion tobte. Der Torschütze riss sich fast das Trikot vom Leib, wurde aber von Kapitän Exposito gerade noch davon abgehalten. "Ich wollte einfach zeigen, dass ich nicht nur Wasser trage", witzelte Pascual nach dem Spiel. Ab da entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. Lanzarote blieb offensiv, schickte Penas, Bisson und Young in Serie Richtung Racing-Tor - elf Abschlüsse insgesamt. Doch Racing-Keeper Ernesto Mino, sonst eher unauffällig, hatte plötzlich Spiderman-Reflexe. In der 86. Minute hielt er einen Kopfball von Bisson aus drei Metern Entfernung. "Ich dachte, der Ball ist schon drin", murmelte Mino. In der Nachspielzeit, als alle schon an den Schlusspfiff dachten, kassierte der 17-jährige Carlos Ferrer noch eine Gelbe Karte - vermutlich wegen jugendlicher Begeisterung beim Einwurf. Trainer Kappels nahm’s gelassen: "Wenn der Junge weiter so rennt, muss ich ihm bald einen GPS-Tracker verpassen." Statistisch blieb alles ausgeglichen: 50,7 Prozent Ballbesitz für Santander, 49,3 für Lanzarote, Zweikampfquote leicht zugunsten der Gäste (51,5 Prozent). Doch in der Wahrnehmung der Fans war Racing der moralische Sieger. Die Nordtribüne sang noch Minuten nach Abpfiff den Namen Pascuals - und der Jungspund winkte schüchtern, als könne er selbst kaum glauben, was da gerade passiert war. Lanzarote dagegen war sichtlich unzufrieden. Coach Leverkusen grummelte: "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber Fußball ist kein Statistikseminar." Sein Innenverteidiger Elmo Van Keuren, der in der 50. Minute Gelb sah, fasste es rustikaler: "Wenn du so viele Chancen hast und nur einen Punkt holst, dann fühlst du dich wie beim Strandurlaub im Regen." Unterm Strich blieb ein gerechtes Remis, das beiden Trainern Stoff zum Grübeln gab. Santander bewies Moral und Talentförderung, Lanzarote zeigte spielerische Reife, aber auch eine gewisse Abschlussschwäche. Oder, wie es ein Fan beim Hinausgehen formulierte: "Schöne Werbung fürs Unentschieden." Und vielleicht war genau das der wahre Sieger des Abends - der Fußball selbst, der mal wieder zeigte, dass Statistik schön ist, Tore aber schöner wären. 06.01.643994 04:42 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler