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35.141 Zuschauer im Estadio El Sardinero rieben sich verwundert die Augen: Racing Santander spielte am Sonntagabend Fußball wie aus einem Guss - und Atletic Barcelona durfte als Statist mit ansehen, wie die Kugel viermal im eigenen Netz zappelte. Ein 4:0, das so deutlich war, dass selbst der Anzeigetafel kurz die Farbe aus dem Gesicht wich. "Ich wusste gar nicht, dass meine Jungs so viele Tore in einem Spiel schießen können", schmunzelte Racing-Trainer Florian Kappels nach Abpfiff. "Vielleicht sollten wir öfter gegen Teams spielen, die so tief stehen, dass man fast glaubt, sie hätten die Parkuhr gezogen." Dabei hatte der Abend recht harmlos begonnen. Atletic Barcelona stand tief, verteidigte mit acht Mann auf einer Linie und hoffte auf Konter über den jungen Nael Caneira. Der sorgte in der 7. Minute tatsächlich für den ersten Torschuss - ein zaghafter Versuch, den Racing-Keeper Martin Gimenez mit einem gelangweilten Griff zur Seite entschärfte. Danach aber begann der grün-weiße Wirbel. Cesc Exposito zog in Minute 17 erstmals aus der Distanz ab, verfehlte knapp. Danach schickte Osip Malzew zwei Warnschüsse in Richtung des tapferen Franck Masse im Gästetor (21. und 24.), ehe er es in der 30. Minute besser machte: Nach einem präzisen Zuspiel von Abwehrchef Albert Vega drosch der Mittelfeldmann den Ball humorlos unter die Latte - 1:0! Das Stadion bebte, und Kappels ballte an der Seitenlinie die Faust. Barcelona? Reagierte kaum. Bis zur Pause blieben sie harmlos, und als kurz vor dem Halbzeitpfiff Racing-Flügel Felipe Helguera verletzt vom Platz musste, hatte man fast Mitleid. Doch Ersatzmann Alberto Ramallo fügte sich nahtlos ein - und sollte später noch glänzen. Nach der Pause dasselbe Bild: Racing kombinierte, Barcelona konterte theoretisch. Praktisch endete jeder Versuch am eigenen Strafraum. Als David Niguez in der 56. Minute nach schöner Vorarbeit von Linksverteidiger Juanito Ruiz das 2:0 erzielte, war das Spiel entschieden. "Ich musste nur den Fuß hinhalten", grinste Niguez später. "Der Ball war beleidigt, wenn er nicht ins Tor wollte." Trainer Al Bundy an der gegnerischen Bank sah das anders: "Wir haben eigentlich defensiv gut gestanden. Nur leider immer einen Schritt zu spät." Zwei Gelbe Karten für seine Männer - Fehmi Topuz (47.) und Diego Mascarenhas (62.) - zeigten, dass die Nerven bröckelten. Und Racing hatte noch Lust. In der 74. Minute spielte Ramallo einen Zuckerpass auf den jungen Oscar Cruz, der eiskalt zum 3:0 einschob. Der Jubel war so groß, dass ein Ordner seine Mütze verlor - sie lag noch auf dem Rasen, als Cesc Exposito in der Nachspielzeit mit einem satten Schuss aus 18 Metern den 4:0-Endstand markierte. Vorlagegeber: Cesar Varela, der an diesem Abend ohnehin überall zu sein schien. "Ich hatte das Gefühl, wir spielen mit einem Mann mehr", sagte Exposito hinterher, halb lachend, halb erschöpft. "Aber vielleicht war’s auch nur der Wind aus Barcelona." Statistisch unterstrich Racing seine Dominanz: 16 Torschüsse zu 3, 54 Prozent Ballbesitz, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Selbst das Publikum schien in Topform: Bei jedem gelungenen Pass brandete Applaus auf, als wollten sie die Gäste daran erinnern, wie das Spiel eigentlich gedacht war. Kappels fasste es am Ende nüchtern zusammen: "Wir haben heute einfach Fußball gespielt - ohne Firlefanz, ohne große Namen, nur mit Herz und Tempo." Sein Gegenüber Bundy seufzte: "Ich hätte lieber wieder Schuhe verkauft, das war weniger schmerzhaft." Racing Santander zeigt damit, dass man in dieser Saison mit ihnen rechnen muss. Atletic Barcelona dagegen wird sich fragen, ob Defensivfußball ohne Biss wirklich eine Taktik oder eher eine resignierte Lebenshaltung ist. Und während die Fans nach Abpfiff noch "Olé, Racing!" sangen, summte der Platzwart schon vor sich hin: "Vier Tore, kein Gegentor - das kann gerne so bleiben." Wer ihn kennt, weiß: Er meint es ernst. 10.06.643990 13:30 |
Sprücheklopfer
Ich habe versucht, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sie Fehler machen dürfen. Das haben sie bis auf wenige Ausnahmen gut gemacht.
Rudi Völler