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Es gibt Spiele, die schreibt der Fußballgott mit spitzer Feder, und dann gibt es Partien wie diese: Racing Club GE gegen La Chaux-de-Fonds, 6:0, ein Abend zwischen Kunst und Komödie. 6102 Zuschauer im ehrwürdigen Stade de Genève sahen am Freitagabend, wie ein Team Fußball spielte - und das andere versuchte, den Ball wiederzufinden. Schon nach drei Minuten hatte Mathias Wild, 19 Jahre jung und mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der offenbar nie daneben schießt, den Torreigen eröffnet. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste der Blondschopf später, "und als ich sah, dass der Ball drin war, dachte ich: Das läuft heute." Wie recht er behalten sollte. In der achten Minute legte Phillip Fouquet nach, ebenfalls 19, ebenfalls eiskalt. Der junge Mittelstürmer, der mit jeder Bewegung wie ein Lehrbuchbeispiel für "Torinstinkt" wirkt, bekam den Ball von Innenverteidiger Kian Kinmont serviert - ein Pass, so präzise, dass man ihn rahmen könnte. 2:0. Zuschauer auf der Haupttribüne begannen, die Finger zum Zählen zu heben. Sie sollten sie bis zur 90. Minute nicht mehr senken. Paul Reinhardt, der flinke Linksaußen mit dem Lächeln eines Mathe-Genies, erhöhte in der 16. Minute auf 3:0. "Ich wollte eigentlich flanken", gab er später zu, "aber wenn’s so reingeht, beschwert sich keiner." Wahrlich nicht. Sechs Minuten später traf erneut Fouquet, diesmal nach einem feinen Zuspiel von Abwehrchef Fernando Nani. 4:0 - und gerade einmal 22 Minuten gespielt. Der Rest der ersten Halbzeit war eine Lehrstunde in Ballzirkulation. Racing Club GE ließ die Kugel laufen, als wäre sie an einem unsichtbaren Faden mit den Stiefeln verbunden. 52 Prozent Ballbesitz, aber gefühlt 90 Prozent Spielkontrolle. Trainer Truthan Trainer (ja, das ist wirklich sein Name) stand an der Seitenlinie, verschränkte die Arme und nickte zufrieden. "Wir wollten offensiv beginnen - und sind einfach nicht mehr damit aufgehört", kommentierte er trocken. Die Gäste aus La Chaux-de-Fonds dagegen wirkten, als hätten sie auf der Anfahrt schon genug Kilometer gemacht. Ein einziger Torschuss im gesamten Spiel - in der 87. Minute, von Paul Hummel, der sich wenigstens den Mut nicht nehmen ließ. "Ich dachte, vielleicht überrascht das mal jemanden", murmelte er nach Abpfiff. Tat es nicht. Torwart Taci Recber musste kaum den Staub von seinen Handschuhen wischen. Nach der Pause ging das Spektakel weiter, allerdings mit einer Prise Gelb. Mathias Wild kassierte in der 62. Minute eine Verwarnung - vermutlich aus Langeweile, weil er zehn Minuten keinen Ballkontakt hatte. Doch kaum war die Karte gezeigt, meldete er sich spielerisch zurück: In der 64. Minute erzielte er sein zweites Tor des Abends, nach Vorarbeit von Fouquet. 5:0. Die Fans skandierten seinen Namen, und einer rief: "Lasst den Jungen doch einfach alle Tore schießen!" Das letzte Wort hatte dann Andrew Sinclair, der linke Flügel, robust und mit einem Schuss britischen Humors. In der 73. Minute drosch er den Ball unter die Latte - ein Abschluss, der selbst die Eckfahne erröten ließ. "Ich war schon sauer, dass ich noch keins hatte", lachte er später, "also hab ich’s einfach erledigt." La Chaux-de-Fonds versuchte in der Schlussphase, das Ergebnis wenigstens kosmetisch zu verschönern, aber mehr als ein verzweifelter Versuch aus der Distanz sprang nicht heraus. Verteidiger Baltsar Lindström sah Gelb, was immerhin zeigte, dass er noch da war. 23 Torschüsse für Racing, ein einziger für die Gäste - die Statistik liest sich wie ein Roman über ungleiche Kräfteverhältnisse. Und doch: Trainer Truthan Trainer blieb bescheiden. "Das war nur ein Gruppenspiel. Aber schön war’s trotzdem." La Chaux-de-Fonds-Coach, der den Abend lieber unkommentiert lassen wollte, seufzte schließlich: "Wir haben heute viele neue Perspektiven kennengelernt - vor allem die von hinten." Als die Flutlichter erloschen, applaudierten die Fans ihren jungen Helden. Wild, Fouquet, Reinhardt - eine Generation, die Spaß macht. Und während die Spieler lachend in die Kabine verschwanden, blieb der Eindruck eines Spiels, bei dem das Ergebnis noch schmeichelhaft war. Oder, wie ein älterer Zuschauer auf der Tribüne sagte, während er seine Mütze richtete: "Wenn Racing so weitermacht, müssen sie bald in einer anderen Liga spielen - aus Rücksicht auf die anderen." Ein 6:0, das nicht nur drei Punkte bringt, sondern auch ein Versprechen: Von dieser Mannschaft wird man noch hören. Und zwar öfter. 27.10.643990 13:39 |
Sprücheklopfer
Marcio Amoroso ist der Prototyp des Spielers, der nach einem 1:10 höchst zufrieden nach Hause geht, weil er das einzige Tor geschossen hat.
Paul Breitner