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Es war einer dieser Abende, an denen die 42.714 Zuschauer im Raanana-Stadion schon nach drei Minuten ahnten: Heute könnte es turbulent werden. Und tatsächlich - nach nicht einmal 180 Sekunden stand Dalia Levinger dort, wo es Stürmerinnen lieben, zu stehen: halblinks im Strafraum, Ball am Fuß, Tor im Blick. Ein Pass des jungen Javi Melendez, ein kurzer Wackler, und schon rauschte der Ball unhaltbar ins Netz. 1:0 für die Raanana Reds, und das Bier in Block C war noch nicht mal eingeschenkt. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Levinger später, "ich dachte, der Torwart schaut noch, wo der Ball ist." Und das tat er wohl auch. Joao Antunez im Tor der Herzliya Yellows wirkte in dieser Szene eher wie ein Tourist auf Stadionführung als wie ein Schlussmann. Raanana begann wie entfesselt, zehn Torschüsse insgesamt, davon vier in den ersten fünf Minuten. Trainer Levi Ackerman sah zufrieden aus - zumindest bis zur Pause. Die Reds kontrollierten Ball und Gegner, mit 51 Prozent Ballbesitz und einer Zweikampfquote leicht über 50 Prozent. Alles sah nach einem souveränen Abend aus. Doch Fußball wäre nicht Fußball, wenn er sich an Drehbücher hielte. Herzliya, in der ersten Halbzeit noch defensiv verpackt und mit Kontern beschäftigt, kam nach der Pause wie ausgewechselt aus der Kabine. Trainer Kula Shaker hatte offenbar an mehr als nur der Taktik geschraubt. "Ich hab ihnen gesagt: Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit Stil - und Tempo", lachte er hinterher. Zwei schnelle Wechsel zur Halbzeit - Pauel Cure und Matan Ohayon kamen - und plötzlich rollten die Angriffe der Yellows in Wellen. Erst in der 63. Minute wurde es belohnt: Alexander Williamson, der bis dahin eher unauffällig geblieben war, tankte sich über links durch, flankte punktgenau auf Cure, der sich mit einem wuchtigen Kopfball bedankte. 1:1. Drei Minuten später dann die kalte Dusche für Raanana: Valentin Hreidarsson spielte einen dieser Pässe, bei denen selbst der Ball kurz überlegt, ob er wirklich so schön fliegen darf. Matan Ohayon nahm ihn mit der Brust an und jagte das Leder volley unter die Latte. 2:1 Herzliya - Spiel gedreht in nur drei Minuten. "Da war der Stecker kurz raus", gestand Raananas Innenverteidiger Harvey MacInnes, der kurz zuvor Gelb gesehen hatte. "Wir dachten wohl, das läuft schon irgendwie." Lief es aber nicht. Stattdessen lief Herzliya: weiter, schneller, cleverer. Raanana versuchte in der Schlussphase alles, inklusive Dalia Levinger, die in der 88. Minute noch einmal gefährlich abschloss, und Nahum Rosenthal, der in der Nachspielzeit einen letzten Distanzschuss wagte - doch Antunez war diesmal wach. "Ich hab mir geschworen, nicht zweimal im selben Spiel zu schlafen", witzelte der Keeper später. Statistisch war es ein ausgeglichenes Spiel: 10:9 Torschüsse, 51 zu 49 Prozent Ballbesitz. Doch während Raanana in Schönheit starb, traf Herzliya mit chirurgischer Präzision. Besonders beeindruckend: die Geduld. Kein wildes Pressing, kein hektisches Nach-vorne-Rennen - einfach abwarten, bis Raanana die Tür öffnet. Trainer Ackerman wirkte nach Abpfiff gefasst, fast philosophisch. "Manchmal gewinnt der, der weniger läuft, mehr denkt und besser trifft", sagte er und sah dabei aus, als hätte er gerade ein Zitat für die nächste Motivationsrede gefunden. Für Herzliya war es ein Sieg mit Signalwirkung - der dritte in Folge, und das gegen einen Gegner, der zu Hause als nahezu unbezwingbar galt. "Wir sind keine Schönspieler, wir sind Pragmatiker", fasste Torschütze Cure zusammen. "Und Pragmatiker nehmen Punkte mit." Auf der Tribüne verabschiedeten sich die Fans der Reds mit Applaus - halb Anerkennung, halb Trost. So ist das eben in Raanana: Man verliert nicht gern, aber wenigstens mit Stil. Und als die Flutlichter langsam erloschen, blieb das Gefühl, ein Spiel gesehen zu haben, das wieder einmal bewies: Fußball ist kein Mathematiktest. Die besseren Zahlen hatte Raanana, die besseren Momente aber Herzliya. Oder, wie ein älterer Fan beim Hinausgehen murmelte: "Wir haben früh geführt - vielleicht zu früh. Aber wenigstens war’s schön, solange es dauerte." 21.03.643990 12:07 |
Sprücheklopfer
Ich habe versucht, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sie Fehler machen dürfen. Das haben sie bis auf wenige Ausnahmen gut gemacht.
Rudi Völler