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Es war einer dieser Abende, an denen der Fußballgott offenbar ein Herz für polnische Kleinstadtromantik hat. 38.655 Zuschauer füllten das Stadion in Pruszkow, um zu sehen, wie der heimische SK die großen Namen aus Moskau empfängt - und sie in einer Viertelstunde in ihre Einzelteile zerlegt. Nach gerade einmal 15 Minuten stand es 3:0, und das blieb es bis zum Schluss. Die Russen wirkten konsterniert, die Polen elektrisiert, und Trainer Stefan Petruck grinste später in die Kameras: "Ich habe den Jungs gesagt: Wenn ihr schon friert, dann wenigstens beim Jubeln." Dabei sah es zu Beginn gar nicht danach aus. Loko Moskau begann forsch, Adrian Bruhn prüfte den Pruszkower Torhüter Pedro Sousa schon in der 8. Minute, und Nenad Neziri hatte kurz zuvor aus spitzem Winkel abgezogen. Doch dann kam die 13. Minute - und mit ihr Jerzy Zurawski. Der 34-jährige Regisseur des SK, dessen graue Schläfen nur mühsam unter der Mütze verschwanden, nahm einen Pass von Dario Poggi auf, tanzte einen Verteidiger aus und schlenzte den Ball ins lange Eck. 1:0, und das Stadion bebte. Kaum hatte sich der Stadionsprecher wieder gefasst, klingelte es erneut. Nur eine Minute später zog Constantin Furtok aus dem linken Halbfeld ab - zack, 2:0. Vorlage diesmal von Grzegorz Chalaskiewicz, der mit der Präzision eines Chirurgen den Ball in den Lauf spielte. "Ich dachte, er passt zu Kowalik, aber dann war plötzlich der Ball im Netz", staunte selbst Furtok später lachend. Und als wollten sie beweisen, dass drei wirklich eine Glückszahl ist, legte Amadeus Kowalik in der 15. Minute das 3:0 nach. Jerzy Zurawski, eben noch Torschütze, diesmal als Vorbereiter - und Kowalik verwandelte trocken. Drei Tore in drei Minuten: eine polnische Symphonie in Dur, dirigiert von einem Mittelfeld-Maestro mit Sinn für Dramatik. Danach? Nun, es war, als hätte jemand den Strom abgestellt. Loko Moskau versuchte es weiter, aber meist so, wie man in der Metro nach der letzten Station sucht: mit viel Hoffnung und wenig Orientierung. Artjom Petrenko und Naim Sentürk prüften Sousa mit harmlosen Schüssen, und der junge Timur Lutschenko kam nach seiner Einwechslung immerhin zu zwei Abschlüssen (76., 77.), die aber eher an Aufwärmübungen erinnerten. Die Russen wirkten bemüht, aber überfordert. Dass Adrian Bruhn in der 26. Minute Gelb sah, passte ins Bild - Frustfoul statt Führungsanspruch. Später erwischte es auch Innenverteidiger Finlay Cabell (51.), der nach einem zu spät geführten Zweikampf entnervt den Rasen anschrie. Trainer Rudolf Will stand an der Seitenlinie, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, und murmelte etwas, das wie ein Gebet klang. Nach dem Spiel versuchte er es mit Galgenhumor: "Wir wollten offensiv spielen. Das hat Pruszkow offenbar wörtlich genommen." Stefan Petruck hingegen blieb auch nach dem Schlusspfiff aufgeräumt. "Das war heute erwachsen. Wir haben gespielt, als hätten wir schon fünf Europaligajahre hinter uns. Dabei war’s nur der dritte Spieltag." Er hatte allen Grund zur Freude: 53,7 Prozent Ballbesitz, 13 Torschüsse, eine Zweikampfquote über 53 Prozent - und keinen Moment, in dem sein Team ins Wanken geriet. Die zweite Halbzeit war dann ein Muster an Kontrolle. Pruszkow ließ den Ball laufen, wie eine Katze mit einem Wollknäuel: verspielt, aber jederzeit Herr der Lage. Zurawski durfte in der 60. Minute noch einen Distanzschuss probieren, der knapp über die Latte zischte. Der eingewechselte 18-jährige Yves Schäfer bekam am Ende noch seine Chance, als er in der 85. Minute abschloss - "Ich wollte einfach mal draufhalten, damit Mama was zum Jubeln hat", sagte er später grinsend. Währenddessen suchten die Moskauer ihre Linie und fanden nur den Weg zur Ersatzbank: Lutschenko und Klimowitsch kamen in der 60. Minute, aber selbst die frischen Beine konnten die polnische Mauer nicht durchbrechen. Als der Schiedsrichter abpfiff, stand es immer noch 3:0 - ein Ergebnis, das deutlicher klingt, als es vielleicht war, aber keineswegs unverdient. Die Heimfans sangen, die Spieler tanzten, und irgendwo in der Pressetribüne tippte jemand bereits den Satz: "SK Pruszkow ist die Überraschung der Gruppenphase." Ein letzter Gedanke zum Abend: Wenn man in 15 Minuten drei Tore schießt und danach 75 Minuten lang jede Gefahr kontrolliert, darf man getrost von Reife sprechen. Oder, wie Jerzy Zurawski es formulierte: "Manchmal reicht ein guter Start. Der Rest ist Verwaltung." Und so verwaltete Pruszkow diesen frostigen Europaligaabend mit der Gelassenheit eines Teams, das plötzlich begriffen hat, dass es mehr kann, als man ihm zugetraut hatte. Vielleicht war’s also tatsächlich ein bisschen Magie - oder einfach nur ein perfekt getimter polnischer Wintersturm. 03.10.643990 09:05 |
Sprücheklopfer
Das Positive war, dass wir hinten zu Null gespielt haben. Das Negative war, dass wir auch vorne zu Null gespielt haben.
Felix Magath