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32.000 Zuschauer im Stadion von Łódź sahen am Samstagabend, wie Widsev Lodz mit 0:2 (0:1) gegen den frech aufspielenden SK Pruszkow unterging. Während Trainer Niko Schäfer nach dem Schlusspfiff ratlos den Kopf schüttelte, grinste sein Gegenüber Stefan Petruck so breit, dass man fast meinte, er hätte gerade die Meisterschaft gewonnen - dabei war es "nur" der dritte Spieltag der 1. Liga Polen. Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Lodz kontrollierte den Ball, ganze 53 Prozent Ballbesitz standen am Ende auf der Statistiktafel - aber was nützt das, wenn der Gegner mit 18 Torschüssen doppelt so oft aufs Tor feuert wie man selbst? Widsev brachte es auf kümmerliche sechs, und Torwart Pedro Sousa von Pruszkow musste sich nur selten wirklich strecken. Schon in der Anfangsphase deutete sich an, dass die Gäste den besseren Plan hatten. In der 5. und 7. Minute prüfte der 20-jährige Rechtsaußen Zbigniew Spizak den Heimkeeper Michael Ross gleich zweimal - noch ohne Erfolg, aber die Warnung war da. "Da hab ich mir gedacht: Wenn wir so weitermachen, fällt bald einer rein", erzählte Spizak später, und er sollte recht behalten. In der 25. Minute war es schließlich soweit: Ein weiter Ball des Rechtsverteidigers Adrian Kosowski segelte auf den zweiten Pfosten, wo Linksverteidiger Charles Fraser plötzlich zum Stürmer mutierte und den Ball volley ins lange Eck drosch - 0:1. "Ich weiß selbst nicht, was ich da gemacht habe", grinste Fraser nach dem Spiel. "Normalerweise soll ich da hinten absichern, aber diesmal hatte ich einfach Lust." Lodz wankte, fand aber keinen Weg durch die kompakt stehende Pruszkower Abwehr. Felipe Lomban versuchte es aus der Distanz (73.), und der junge Jeno Hrutka hatte kurz vor Schluss noch eine gute Chance (86.), doch Sousa blieb unüberwindbar. In der zweiten Halbzeit wollte Schäfer mit ruhigem Aufbau und kontrolliertem Spiel die Wende erzwingen. Doch das Team wirkte so, als hätte jemand den "Offensivgeist"-Schalter auf Standby gestellt. "Wir hatten genug Ballkontakte, aber keiner wollte Verantwortung übernehmen", schimpfte Schäfer später in der Pressekonferenz. "Fußball ist kein Schönheitswettbewerb." Sein Gegenüber Petruck konterte trocken: "Vielleicht nicht - aber Effizienz bekommt immerhin Punkte." In der 83. Minute machte dann Spizak selbst den Deckel drauf. Nach feiner Vorarbeit des 19-jährigen Yves Schäfer - nein, keine Verwandtschaft mit Widsev-Trainer Niko - zog der quirlige Flügelstürmer aus halbrechter Position ab und traf flach ins Eck. 0:2, und die 500 mitgereisten Fans aus Pruszkow sangen plötzlich lauter als die ganze Lodzer Kurve. Kurz darauf kam es noch knüppeldick für die Gastgeber: Erst sah Linksverteidiger Karol Hawrylewicz Gelb (93.), dann flog Olgun Calik mit Rot vom Platz (95.) - ein ungestümer Frustfoul, das sinnbildlich für den Abend stand. "Ich war einfach zu spät dran", murmelte Calik später, "wie das ganze Team heute." Die Statistik lügt nicht: 18:6 Torschüsse, 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Pruszkow - und ein klarer Eindruck von jugendlicher Unbekümmertheit. Petruck hatte gleich drei Spieler unter 20 gebracht, darunter der 17-jährige Robert Lewandowski (nein, nicht jener, sondern ein Namensvetter), der in der 76. Minute beinahe das 0:3 erzielte. In Lodz dagegen herrschte nach dem Abpfiff betretenes Schweigen. Nur ein Ordner brachte es auf den Punkt: "Die hatten den Ball - die anderen das Tor." Widsev Lodz muss sich nun fragen, wie man mit so viel Ballbesitz so wenig anfangen kann. Schäfer versprach Besserung: "Wir werden das analysieren - und vielleicht auch mal aufs Tor schießen." Pruszkow dagegen feierte ausgelassen. In der Kabine soll es laut geworden sein - nicht wegen der Taktik, sondern weil die Jungs lautstark sangen. Trainer Petruck grinste: "Ich hab sie machen lassen. Wenn man auswärts 2:0 gewinnt, darf man auch mal schief singen." Ein Abend, an dem Routine gegen jugendlichen Elan den Kürzeren zog - und Widsev Lodz die schmerzliche Lektion lernte, dass Ballbesitz kein Tor ist. Und irgendwo in der Pruszkower Nacht flüsterte ein 20-jähriger Zbigniew Spizak: "Ich hab’s euch doch gesagt - wenn wir so weitermachen, fällt bald einer rein." Da fielen gleich zwei. 14.12.643993 13:15 |
Sprücheklopfer
Fußball spielt sich zwischen den Ohren ab. Da war teilweise Brachland, das neu bepflanzt werden musste.
Rainer Bonhof