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Wenn die Flutlichtmasten in Pirmasens angehen, weiß man: Es wird emotional. Und an diesem 20. Spieltag der Oberliga C brannte nicht nur das Licht, sondern auch die Offensivmaschine des FK Pirmasens - und wie! Ein 5:1‑Feuerwerk gegen die Spvgg Ketsch, 3612 Zuschauer im Stadion und eine Heimmannschaft, die von der ersten Minute an klarmachte, wer hier Herr im Haus ist. Kaum hatten sich die Fans auf ihren Sitzen eingerichtet, da zappelte der Ball schon im Netz. Ganze zwei Minuten waren gespielt, als Kornej Babinow - der 22‑jährige Mittelfeldmotor mit dem Schuss wie ein Vorschlaghammer - nach feiner Vorarbeit von Samuel Reid trocken abschloss. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Babinow später, "aber der Ball hatte wohl andere Pläne." Ketsch wirkte von dem Blitzstart sichtlich überrumpelt. Noch bevor sich die Gäste sortiert hatten, klingelte es erneut. In der 9. Minute nahm Dani Tabenkin einen Pass von Nikolai Dotschew an, drehte sich elegant um seinen Gegenspieler - und drosch das Leder humorlos ins rechte Eck. 2:0. Trainerin Gudrun Schweitzer riss die Arme hoch, als wolle sie gleich den Mond umarmen. "Wir haben uns vorgenommen, mutig zu spielen", sagte sie später. "Manchmal klappt’s sogar." Ketsch dagegen suchte nach einer Antwort, fand aber meist nur den nächsten Ballverlust. Dabei hatten die Gäste mit 54 Prozent Ballbesitz theoretisch mehr vom Spiel - in der Praxis allerdings ungefähr so viel Durchschlagskraft wie ein nasser Schwamm. Zwei frühe Gelbe Karten für Niko Sonne (14.) und Vitor Ordono (16.) ließen zudem erahnen, dass Frust kein guter Spielmacher ist. Nach dem Seitenwechsel kam die nächste kalte Dusche für Ketsch: Wieder Tabenkin, wieder eiskalt. In der 48. Minute veredelte er eine flüssige Kombination über Hugo Alves zum 3:0. Der Rest war ein Heimspiel im besten Sinne - und ein Lehrstück in Effizienz. Als Alex Coviello in der 76. Minute nach Vorarbeit von Alves das 4:0 erzielte, begann auf der Tribüne der Tanz. Vier Minuten später legte derselbe Coviello gleich noch einen drauf, diesmal aus kurzer Distanz. "Ich war gerade erst eingewechselt worden, da dachte ich: Jetzt oder nie", lachte er nach der Partie. Ganz so war’s nicht - Coviello war in der Pause für den jungen Stefan Keller gekommen, aber sei’s drum: Humor hat er. Mit einem 5:0‑Vorsprung ließ es Pirmasens dann etwas ruhiger angehen. Ketsch gelang in der 84. Minute wenigstens der Ehrentreffer: Niko Sonne, der zuvor schon den gelben Karton gesehen hatte, traf nach Vorarbeit von Sascha Wendt zum 5:1. Trainer Timo Blum kommentierte trocken: "Immerhin haben wir’s geschafft, den Torjubel zu üben." Statistisch gesehen war’s gar nicht so eindeutig, wie das Ergebnis vermuten lässt. 18 Torschüsse Pirmasens, 5 für Ketsch - okay, das ist eindeutig. Aber die Gäste hatten mehr Ballbesitz, was ein bisschen so ist, als würde man sich über den längeren Ballbesitz im Tennis freuen, obwohl man 0:6, 0:6 verloren hat. Erwähnenswert auch die taktische Disziplin der Gastgeber: Von Beginn an offensiv eingestellt, mit starkem Pressingverhalten, kurzen Pässen und klarem Fokus auf Konter. "Wir wollten sie anlaufen, aber nicht blind", erklärte Schweitzer. "Die Jungs haben das taktisch clever umgesetzt - und Dani hat einfach einen Sahnetag erwischt." Und tatsächlich: Tabenkin war der Mann des Abends, zwei Tore, ein ständiger Unruheherd. Hinter ihm zog Babinow klug die Fäden, Alves glänzte als Vorlagengeber - und Torhüter Dennis Frei durfte sich hin und wieder die Handschuhe abklopfen, um nicht einzuschlafen. Nach dem Schlusspfiff applaudierten die Fans minutenlang. Ein älterer Herr im Vereins-Schal meinte beim Hinausgehen: "So spielt man Fußball, nicht dieses Ballgeschiebe wie neulich in Mainz." Ob er recht hat, ist Ansichtssache - aber in Pirmasens war an diesem Abend alles stimmig: Leidenschaft, Tempo, Tore. Trainer Blum von Ketsch fasste es mit Galgenhumor zusammen: "Wenn du fünf Stück kriegst, brauchst du kein Taktikboard mehr, sondern ein Taschentuch." FK Pirmasens darf dagegen weiter träumen. Mit diesem Sieg klettert das Team in der Tabelle, die Stimmung ist blendend, und die Fans summten beim Verlassen des Stadions eine Melodie, die nach Aufbruch klang. Vielleicht war’s der Beginn einer kleinen Frühjahrs-Offensive. Vielleicht einfach nur ein perfekter Fußballabend. Aber sicher ist: Wer dieses 5:1 gesehen hat, weiß, warum man Fußball liebt - und warum man in Pirmasens derzeit gerne zum Stadion geht. 16.01.643991 10:01 |
Sprücheklopfer
Aus der Ferne betrachtet ist es alles nur eine Frage der Distanz.
Klaus Toppmöller