// Startseite
| Football Today |
| +++ Sportzeitung für England +++ |
|
|
|
Manchmal fühlt sich Fußball an wie ein Piratenfilm - und am Freitagabend im Pokal-Halbfinale zwischen dem FC Millwall und den Bristol Pirates war das Drehbuch Hollywood-reif. 59.000 Zuschauer im ausverkauften "Den" sahen ein Spiel, das alles hatte: frühe Tore, wilde Zweikämpfe, Gelbe Karten, und am Ende ein Doppelschlag in der Nachspielzeit, der Millwalls Pokalträume versenkte. Bristol siegte mit 4:3, und Trainer Phi Ung grinste nach Schlusspfiff wie ein Mann, der gerade eine Schatzkarte gefunden hat. "Ich hab den Jungs gesagt: Wenn wir schon Pirates heißen, dann klauen wir heute was", lachte Ung nach dem Spiel, während er die durchnässte Kapuze seines Regenmantels herunterzog. Und tatsächlich, seine Elf raubte Millwall in den letzten Minuten den Sieg - und vielleicht ein Stück Stolz. Dabei fing alles an wie ein offenes Schwertduell. Schon in der 7. Minute stach Everhart Derrick zu, nach feinem Zuspiel von Ragip Gürsoy. Das 0:1 war kaum notiert, da konterte Millwall mit Benjamin Fryer - 60 Sekunden später stand’s 1:1. "Ich dachte, ich träume", gab Millwalls Trainer Sonny Crocket später zu. "So schnell haben wir noch nie geantwortet - vielleicht sollten wir öfter erst eins kassieren." Danach ging’s weiter mit offenem Visier. Bristol griff an wie ein Rudel wütender Möwen, und Javier Costinha stellte mit einem trockenen Abschluss in der 26. Minute auf 2:1 für die Gäste. Doch Millwall, angetrieben von einem unermüdlichen Robert Bancroft im Mittelfeld, antwortete erneut: Joseph Lockwood traf zwei Minuten später zum 2:2. "Robert hat mir den Ball so serviert, ich musste nur noch Danke sagen", grinste Lockwood, der später noch zwei weitere Großchancen vergab. Die zweite Halbzeit begann genauso stürmisch, wie die erste aufgehört hatte. Millwall hatte etwas mehr vom Spiel - 51 Prozent Ballbesitz und zwölf Torschüsse sprechen für sich - aber Bristol blieb gefährlich. Und sie spielten die Rolle des unbequemen Gastes perfekt: bissig, laufstark, aggressiv. Zwei Gelbe Karten (Roman Trojan in der 55., Julio Costa in der 79.) zeugten davon, dass die "Pirates" auch mal die Klinge zückten, wenn’s sein musste. In der 73. Minute schien das Pendel endgültig Richtung Millwall auszuschlagen, als Fryer nach Flanke von John Bancroft zum 3:2 einköpfte. Das Stadion bebte, Crocket schrie sich die Seele aus dem Leib, und die Fans sangen schon von Wembley. Doch wie so oft, wenn man die Schatzkiste zu früh öffnet, kommt das Unglück von hinten. 92. Minute: Reece Claude schleicht sich auf der rechten Seite frei, Gürsoy spielt den Ball punktgenau - 3:3. Und kaum hatte Millwall den Schock verdaut, stand Markus Tolsa plötzlich allein vor Keeper Ethan Caviness. Pass von Owen Hannigan, Schuss, Tor, 3:4. 93. Minute. Aus. Ende. Bristol im Finale. "Wir haben zu früh aufgehört zu glauben", murmelte Fryer nach dem Abpfiff, während er sich den Schlamm von den Stutzen wischte. Trainer Crocket, der sonst für sein Pokerface bekannt ist, war sichtlich bedient: "Zwei Tore in der Nachspielzeit - das ist nicht Pech, das ist Dummheit." Phi Ung hingegen hatte Mühe, die Euphorie zu zügeln. "Wir wussten, dass Millwall stark ist. Aber wir sind Pirates, wir hören erst auf, wenn die Glocke läutet - oder wenn der Schiedsrichter pfeift." Statistisch gesehen war’s ein Duell auf Augenhöhe: Millwall mit leichtem Ballbesitzvorteil und mehr Abschlüssen, Bristol effizienter und mit eiskalter Nervenstärke in den entscheidenden Momenten. Während Millwall auf kontrolliertes Kurzpassspiel setzte, schalteten die Pirates im letzten Viertel auf vollen Angriff - Pressing "YES", Einsatz "STRONG" - und wurden dafür belohnt. Als das Flutlicht erlosch, verließen 59.000 Zuschauer das Stadion - die meisten kopfschüttelnd, einige applaudierend. Fußball kann grausam sein, aber selten so unterhaltsam. "Wenn man 3:2 führt und trotzdem verliert", meinte Millwalls Kapitän Isaac Hartshorn, "dann ist das wie ein Krimi, bei dem der Mörder am Ende der Butler ist - man hätte es wissen müssen." Vielleicht stimmt das. Vielleicht war’s aber auch einfach der Abend, an dem die Bristol Pirates zeigten, dass man mit Mut, Zähigkeit und ein bisschen Seeräuberromantik selbst in Millwall Geschichte schreiben kann. Und irgendwo auf dem Weg in die Katakomben soll Phi Ung leise gepfiffen haben - angeblich die Melodie aus "Fluch der Karibik". Passt irgendwie. 30.12.643987 17:22 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer