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Ein kalter Februarabend in Bristol, 59.000 Zuschauer im rappelvollen "Pirates Dock Stadium", und doch war es heißer als jeder Sommerabend an der Themse. Die Bristol Pirates fegten am 16. Spieltag der 1. Liga England den FC Millwall mit 2:0 vom Platz - ein Ergebnis, das so deutlich war, wie es das Spiel selbst lange Zeit nicht vermuten ließ. Denn die erste Halbzeit war, nun ja, kein Gedicht. Zwar schossen die Piraten schon früh aus allen Lagen - allein Everhart Derrick prüfte in den ersten 20 Minuten dreimal den Fangzaun hinter Millwalls Keeper Cameron Huxley - doch das Netz blieb unberührt. Die Gäste verteidigten tief, beinahe archäologisch, so tief gruben sie sich in den eigenen Strafraum ein. Trainer Sonny Crocket hatte seine Männer in Beton gegossen: defensiv, diszipliniert, aber ohne jede Idee nach vorn. "Ich hätte fast eine Decke gebraucht da hinten", witzelte Millwalls Innenverteidiger James Thuringer, der sich früh die Gelbe Karte abholte, "so kalt war’s im Strafraum, weil wir nie rausgekommen sind." Bristol-Coach Phi Ung, der an der Seitenlinie wie ein Dirigent in einem Rockkonzert wirkte, blieb gelassen. "Wir wussten, dass sie tief stehen. Ich hab den Jungs gesagt: Geduld, irgendwann fällt er rein - oder wir schießen ihn einfach rein." Und so kam es. Nach 57 Minuten schnupperte Derrick erneut am Führungstor, sein Schuss zischte noch knapp am Pfosten vorbei. Eine Minute später dann das Erlösende: Reece Claude, der rechte Wirbelwind der Pirates, schnappte sich den Ball nach einer verunglückten Klärung von Alessandro Sosti - ja, richtig gelesen, der eigene Innenverteidiger - und drosch das Leder aus 16 Metern humorlos in die Maschen. 1:0, Stadion explodiert, Claude jubelt mit ausgestreckten Armen in Richtung Fankurve, als wolle er sagen: "Na, endlich!" Und kaum hatten sich die Zuschauer wieder hingesetzt, stand es auch schon 2:0. In der 59. Minute zog der zentrale Mittelfeldmann Kornej Nikitin nach feiner Vorarbeit von Josip Ljubicic ab - diesmal passte alles: Technik, Kraft, Timing, und ein Millimeter Präzision. Der Ball zitterte im Netz, Huxley flog ins Leere, Bristol jubelte zum zweiten Mal. "Ich hab nur gedacht: Wenn ich ihn nicht treffe, nimmt mich Phi vom Platz", lachte Nikitin nach dem Spiel. "Also hab ich lieber getroffen." Danach war die Partie entschieden. Millwall reagierte, wie man es von einem defensiv eingestellten Team erwartet: mit Auswechslungen, aber ohne Wirkung. Sonny Crocket brachte gleich drei frische Kräfte, darunter den 18-jährigen Marcus Rashford, der immerhin einen Schuss aufs Tor brachte - Millwalls ersten seit der Pause. Insgesamt kamen die Londoner auf magere vier Torschüsse, während Bristol satte 22 verzeichnete. Die Statistik lügt nicht: 54,6 Prozent Ballbesitz für die Hausherren, 56,7 Prozent gewonnene Zweikämpfe - und das Gefühl, dass sie noch hätten Stunden weiterspielen können, ohne in Gefahr zu geraten. Lediglich die Gelben Karten gegen Ljubicic, Costa, Abelson, Trojan und Karaman trübten das makellose Bild ein wenig. "Wir waren halt zu engagiert", grinste Trainer Phi Ung, "das ist keine Schwäche, das ist Charakter." Millwalls Coach Crocket sah das naturgemäß anders. "Wir haben’s ihnen zu leicht gemacht. Bristol hat das Spiel diktiert, und wir haben zugeschaut. Vielleicht war’s zu viel Respekt, vielleicht zu wenig Mut." Die letzten Minuten waren ein Schaulaufen: Derrick scheiterte noch dreimal - in der 78., 79. und 89. Minute - entweder an sich selbst oder an Huxley. Die Fans aber nahmen’s mit Humor. "Schieß doch noch einen, Everhart!", rief ein Zuschauer, worauf Derrick lachend zurückwinkte. Als Schiedsrichter McKenna nach 93 Minuten abpfiff, lag über Bristol ein zufriedenes Summen. Kein Spektakel, aber ein souveräner Sieg - und das Gefühl, dass diese Mannschaft mehr kann als nur solide Heimspiele. "Zwei Tore, null Gegentore, keine Verletzten - das ist für mich wie ein Dreigangmenü mit Dessert", sagte Phi Ung beim Verlassen des Platzes und verschwand mit einem Grinsen in den Katakomben. Fazit: Die Bristol Pirates haben gezeigt, dass sie inzwischen nicht nur kämpfen, sondern auch spielen können. Millwall dagegen bleibt das Rätsel der Saison - defensiv bemüht, offensiv harmlos, und spätestens nach der 59. Minute ohne jede Chance. Oder, wie ein Fan beim Ausgang zusammenfasste: "Millwall hatte heute so viel Biss wie ein nasses Brötchen." Und selten klang ein Urteil so treffend. 19.11.643990 13:18 |
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Wenn kein Sprit im Tank und die Birne leer ist, läuft nichts.
Rainer Calmund