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Ein nasskalter Februarabend, 55.650 Zuschauer unter dem Lichterdach des Pariser Stadions - und am Ende ein Ergebnis, das die Heimfans wohlig durch den Mantel pfeifen ließ: Paris St. Michel schlägt Klingenbach mit 4:1 (1:1) und zieht damit souverän in die K.o.-Phase der Europaliga ein. Doch so klar das Resultat auf der Anzeigetafel steht, so wackelig begann der Weg dorthin. Bereits nach wenigen Minuten zeichnete sich ab, dass Trainer Jakub Jakubov seine Pariser auf Angriff programmiert hatte. "Wir wollten zeigen, dass man auch bei drei Grad über Null noch Samba spielen kann", grinste er später. Und tatsächlich: Maurice Jean-Pierre prüfte den Klingenbacher Keeper Volker Stoll schon in der ersten Minute, Leandro Barbosa legte in der zweiten nach. Doch das Tor fiel erst in der 21. Minute - und es war einer dieser Angriffe, bei dem man das Geräusch des Reißverschlusses auf dem gegnerischen Abwehrmantel förmlich hören konnte. Gabor Soos, der feine Techniker auf links, schickte Adrian Lundqvist steil, der den Ball trocken ins rechte Eck setzte. 1:0, das Stadion vibrierte. Doch wer dachte, der Abend würde ein Pariser Spaziergang, wurde eines Besseren belehrt. Nur sieben Minuten später nutzte Klingenbach seine stärkste Waffe: Joel Voss, ein rechter Flügelflitzer mit Laufwegen wie ein Zickzackmuster, traf nach Vorarbeit von Jonas Hauser zum 1:1. Die gut 500 mitgereisten Fans aus Klingenbach, dick eingepackt und lautstark, sangen sich kurzzeitig warm. Trainer Markus Herrmann rief seiner Bank zu: "Seht ihr, das geht auch gegen die Großen!" - und tatsächlich, seine Mannschaft hielt dagegen. Zur Pause stand es leistungsgerecht unentschieden, Ballbesitz fast ausgeglichen (52 zu 48 Prozent), Torschüsse ebenfalls. "Wir haben sie ein bisschen zu viel spielen lassen", meinte Paris-Verteidiger Christian Bouchard später, der in der 73. Minute die Gelbe Karte sah. "Aber dann haben wir gemerkt, dass wir ja eigentlich Paris sind." Gesagt, getan. In der zweiten Halbzeit kam die Wende. Gabor Soos, an diesem Abend der unermüdliche Taktgeber, bereitete in der 59. Minute das 2:1 von Leandro Barbosa vor. Ein Schuss, der so präzise war, dass man glauben konnte, Barbosa habe den Ball mit GPS gesteuert. Klingenbach versuchte zu reagieren - Trainer Herrmann brachte in der 55. Minute den jungen Tomasz Schöne und später Georges Gramont, um frischen Wind zu bringen. Doch der blieb ein laues Lüftchen. Jakubov reagierte ebenfalls: In der 70. Minute kam der junge Roger Donovan für den erfahrenen Maurice Lavoie - und wie! Kaum 20 Minuten später, in der 90. Minute, schob Donovan nach herrlicher Vorarbeit von Eric Tremblay zum 3:1 ein. Der Trainer auf der Bank grinste: "Ich sage immer, Jugend ist kein Risiko, sondern ein Abenteuer." Doch das war noch nicht das Ende. In der Nachspielzeit (93.) setzte Lundqvist, der bereits das erste Tor erzielt hatte, den Schlusspunkt - diesmal nach Vorarbeit von Maurice Jean-Pierre. 4:1, ein Ergebnis, das auf dem Papier klarer aussieht, als es das Spiel in der ersten Stunde war. Klingenbachs Abwehrchef Mathias Horst seufzte nach dem Abpfiff: "Wir haben 70 Minuten gut mitgehalten, aber am Ende haben sie einfach einen Gang mehr." Und während Jakubov auf der Pressekonferenz von "kollektivem Spaß am Spiel" sprach, murmelte Herrmann trocken: "Spaß hatten sie sicher - wir weniger." Die Statistik untermauert den Eindruck: 16 Torschüsse für Paris, 11 für Klingenbach, fast identischer Ballbesitz, aber die Effizienz einer Spitzenmannschaft. Paris nutzte seine Chancen eiskalt, während die Gäste ihre "Sicher"-Schussphilosophie (wie aus der Taktiktafel bekannt) wohl etwas zu wörtlich nahmen. Am Ende applaudierten auch die Klingenbacher Fans, als Lundqvist sich vom Publikum feiern ließ. "Das war ein schöner Abend für uns", sagte er, "und vielleicht auch ein bisschen für den Fußball." Vielleicht, ja. Denn so wie Paris St. Michel an diesem Abend spielte - leidenschaftlich, verspielt, manchmal übermütig -, erinnerte vieles an jene Momente, in denen man sich fragt, warum man diesen Sport eigentlich liebt. Weil er unberechenbar ist, weil er Geschichten erzählt. Und weil selbst ein 4:1 nicht einfach nur vier Tore sind, sondern 90 Minuten voller kleiner Dramen, großer Gesten und einer Prise Selbstironie. Oder, wie Jakubov es mit einem Augenzwinkern zusammenfasste: "Das war kein perfektes Spiel - aber ein ziemlich charmantes Chaos." 01.12.643990 06:10 |
Sprücheklopfer
Man darf das Spiel doch nicht so schlecht reden wie es wirklich war.
Olaf Thon