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Blau-Weiß Leipzig hat an diesem Mittwochabend vor 3012 Zuschauern eindrucksvoll gezeigt, dass man ein Fußballspiel auch verlieren kann, ohne völlig chancenlos zu sein - man muss dafür nur konsequent ungefährlich bleiben. Der FK Pirmasens dagegen nahm beim 0:2 (0:1) im Bruno-Plache-Stadion drei Punkte mit, die sich nicht nur auf dem Papier verdient anfühlen. Von Beginn an war zu spüren, dass die Gäste aus der Pfalz einen Plan hatten. Trainerin Gudrun Schweitzer, die an der Seitenlinie so ruhig wirkte, als würde sie einen Schachwettkampf leiten, ließ ihr Team offensiv und kombinationsfreudig auftreten. Schon in der 9. Minute prüfte Rechtsverteidiger Ulf Eriksen den Leipziger Keeper Bernardo de la Fuente mit einem satten Schuss - der erste von insgesamt 19 Torschüssen der Gäste. Leipzig? Brachte es auf ganze zwei. In der 14. Minute dann der erste Stich: Müjdat Öztürk, der flinke Linksaußen, nutzte eine Vorlage von Nikolai Dotschew und schob den Ball mit jener lässigen Selbstverständlichkeit ein, die man nur hat, wenn man weiß, dass es läuft. "Ich hab den Ball einfach mitgenommen, und dann war da plötzlich Platz ohne Ende", grinste Öztürk später. Der Platz war da, weil die Leipziger Abwehr wohl gerade noch überlegte, ob man wirklich schon in der 14. Minute verteidigen müsse. Trainer Rainer Neuhaus stapfte nach dem Rückstand mit zusammengekniffenen Lippen an der Seitenlinie und rief: "Raus jetzt, Jungs! Raus!" - was seine Abwehr offenbar so verstand, dass sie sich noch ein Stück weiter zurückzog. Immerhin: Torhüter de la Fuente hielt, was zu halten war, und das war eine ganze Menge. In der Pause soll Neuhaus seiner Mannschaft lautstark "mehr Mut nach vorn" verordnet haben. Doch Mut ohne Mittel bringt selten Tore. Zwar wagte sich Peter Martens nach 27 Minuten mit einem beherzten Abschluss aus spitzem Winkel, aber der Ball flog so harmlos in die Arme von Pirmasens-Keeper Dennis Frei, dass dieser danach kurz klatschte - möglicherweise aus Dankbarkeit für die Abwechslung. Pirmasens dagegen blieb ruhig, variierte das Passspiel, mal kurz, mal lang, und wartete auf den Moment. In der 77. Minute war er da: Wieder Öztürk. Diesmal ohne Assist, aber mit noch mehr Entschlossenheit. Er zog von links nach innen, ließ zwei Leipziger stehen, und zimmerte den Ball ins lange Eck. "Das war so einer, der einfach reingehen muss", meinte die sichtlich zufriedene Schweitzer danach. "Müjdat ist heute gelaufen, als hätte er noch was zu beweisen." Leipzig versuchte in den letzten Minuten noch, wenigstens kosmetisch am Ergebnis zu feilen, aber selbst das gelang nicht. Stattdessen musste der 17-jährige Linksverteidiger Kurt Moritz in der 63. Minute den zweiten und zugleich letzten Leipziger Torschuss abgeben - ein Versuch, der mehr nach Verzweiflung als nach Aufbruch roch. "Ich dachte, ich hau einfach mal drauf, vielleicht fällt er rein", erklärte Moritz später und grinste schüchtern. Die Gäste wechselten clever: Ulf Eriksen, nach Gelber Karte in der 59. Minute, durfte kurz danach runter - sicherheitshalber. Für ihn kam Marcel Baer. Später brachte Schweitzer noch zwei 17-Jährige, Stefan Keller und Niko Bock, die sich mit jugendlicher Unbekümmertheit einfanden und sogar noch zu Abschlüssen kamen. "Wir wollten das Spiel mit Energie beenden, nicht mit Verwalten", sagte die Trainerin. Statistisch war das Spiel so eindeutig wie ein Mathetest mit nur einer richtigen Antwort: 52 Prozent Ballbesitz für Pirmasens, 19 zu 2 Torschüsse, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe. Leipzig kämpfte, aber meist gegen sich selbst. Nach Abpfiff stand Rainer Neuhaus mit verschränkten Armen in der Coachingzone und sagte das, was Trainer in solchen Momenten eben sagen: "Wir haben uns heute nicht belohnt." Dann schwieg er kurz, seufzte und fügte hinzu: "Vielleicht auch, weil wir nichts zu belohnen hatten." Pirmasens dagegen freute sich über einen Sieg, der mehr war als nur ein Auswärtserfolg. "Wir wollten zeigen, dass wir auch unter Flutlicht Fußball spielen können", scherzte Doppeltorschütze Öztürk, während seine Mitspieler ihm auf die Schultern klopften. Blau-Weiß Leipzig bleibt dagegen in der Oberliga C weiter im unteren Mittelfeld - und wird sich fragen müssen, wie man mit fast 48 Prozent Ballbesitz so wenig anfangen kann. Vielleicht lag’s am Mond, vielleicht am Mut, vielleicht auch einfach an Müjdat Öztürk. Am Ende jedenfalls hatte Leipzig zwar das Flutlicht, aber Pirmasens das Leuchten. 14.09.643993 16:15 |
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Mario Basler