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Ein kalter Februarabend, Flutlicht, 39.750 Zuschauer - und ein Spiel, das alles hatte, was europäischer Fußball an Dramatik zu bieten hat: frühe Tore, rote Karten, fliegende Wasserflaschen und einen Trainer, der nach Abpfiff aussah, als hätte er selbst 90 Minuten auf Kunstrasen gespielt. NK Osijek unterlag im Rückspiel der zweiten Qualifikationsrunde der Conference League dem niederländischen Vertreter Ayax Amsterdam mit 2:3 (1:1) - und das trotz aufopferungsvoller Leistung bis zur letzten Minute. Osijek begann furios. Bereits in der achten Minute brachte Danijel Maric die Gastgeber in Führung. Ein flacher Schuss aus 16 Metern, so präzise, dass Ayax-Torhüter Karel Van Duzen nur noch höflich hinterherschauen konnte. "Ich dachte zuerst, der Ball sei abgefälscht", grinste Maric später, "aber dann fiel mir ein: Nein, das war einfach gutes Zielen." Doch die Niederländer, taktisch wie immer in beständiger Offensive, ließen sich davon kaum beeindrucken. Nur 14 Minuten später schlug Sascha Fuchs zurück - ein Name, der in Osijek nun wahrscheinlich auf keiner Geburtstagsliste mehr auftauchen wird. Sein Distanzschuss zappelte im Netz, als die Heimfans gerade noch über einen verpassten Konter jubeln wollten. 1:1, und das Spiel wieder völlig offen. Die Partie blieb intensiv, körperlich, manchmal übermotiviert. Ayax zeigte sich aggressiv im Pressing, Osijek hielt mit starker Zweikampfführung dagegen (52,4 Prozent gewonnene Duelle). "Wir wussten, dass sie mit voller Wucht kommen würden", erklärte Osijek-Coach Mate Sovu. "Aber wir wollten sie genau da packen - im Moment ihrer Überheblichkeit." Die zweite Halbzeit begann mit einer Druckphase der Gäste. Vaclav Simak, erst 21, aber mit der Abgeklärtheit eines 30-Jährigen, verwertete in der 60. Minute eine Vorlage von Lars Vanderveer zum 1:2. Ein klassischer Ayax-Angriff: flach, schnell, tödlich. Nur zwei Minuten später antwortete Osijek erneut - Adam Hartshorn traf nach feiner Vorarbeit von Christophe Bossong zum 2:2. Das Stadion bebte, Bierbecher flogen, und Kommentator Petar Zoric am Stadionmikro überschlug sich beinahe: "Osijek lebt! Und wie!" Doch der Jubel währte kurz. Nur sieben Minuten später, in der 69. Minute, war es der rechte Verteidiger Eric Lindblom, der mit einem sehenswerten Schlenzer ins lange Eck das 2:3 erzielte. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Lindblom später schelmisch zu. "Aber wenn’s so reingeht, sag ich natürlich, das war Absicht." Als ob das nicht genug Drama gewesen wäre, sah Osijeks Innenverteidiger Jorge Capucho in der 64. Minute die Rote Karte - ein übermotiviertes Einsteigen, das selbst den eigenen Torwart erschreckt haben dürfte. "Er hat den Ball gesucht, aber offenbar im falschen Stockwerk", spottete ein niederländischer Journalist in der Mixed Zone. Trotz Unterzahl und sichtbarer Erschöpfung kam Osijek noch zu mehreren Chancen. Dario Mlinaric prüfte Van Duzen in der 79. Minute, Ingo Nene verpasste kurz vor Schluss den Ausgleich um Zentimeter. Die Statistik sprach am Ende eine klare Sprache: 10 Torschüsse zu 7, leicht weniger Ballbesitz (47,7 Prozent), aber mehr Leidenschaft, als jede Zahl ausdrücken kann. Ayax-Coach Jochen Eichhorst zeigte sich nach dem Schlusspfiff erleichtert: "Wir haben heute nicht schön, aber clever gespielt. Und manchmal ist Cleverness der schönere Fußball." Kollege Sovu hingegen haderte: "Wir waren nah dran. Vielleicht zu nah - und haben uns dabei verbrannt." Ein kleiner Junge auf der Tribüne, sein Schal halb im Schlamm, brachte die Stimmung treffend auf den Punkt: "Papa, wir haben trotzdem gewonnen, oder?" - "Im Herzen, ja", antwortete der Vater, und das klang in diesem Moment ganz und gar nicht kitschig. Osijek verabschiedet sich erhobenen Hauptes aus dem Wettbewerb. Ayax zieht weiter, wohl wissend, dass man in Kroatien künftig keine Freundschaftsspiele mehr anfragen sollte. Und irgendwo im nächtlichen Osijek klopft Trainer Sovu gegen die Kabinentür und murmelt: "Wenn wir das nächste Mal elf bleiben, schlagen wir sie." Vielleicht tut er das. Vielleicht ist das Fußball - tragisch, wunderschön, unberechenbar. Und an diesem Abend in Osijek war er all das auf einmal. 15.07.643990 05:04 |
Sprücheklopfer
Ich habe versucht, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sie Fehler machen dürfen. Das haben sie bis auf wenige Ausnahmen gut gemacht.
Rudi Völler