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Ein lauer Sonntagabend in Kolumbien, 27.000 Zuschauer, Sonne, Trommeln, und am Ende ein Spiel, das eher an ein Kunstprojekt erinnerte als an einen Fußballkampf. Onse Taldas besiegte UD Barranquilla mit 4:0 - und das so überzeugend, dass selbst der Stadionrasen kurz applaudiert haben dürfte. Schon nach drei Minuten war klar, wohin die Reise geht. Fabio Ibanez, der Mann mit dem linken Fuß wie ein Skalpell, traf nach einem feinen Pass von Sergio Varela. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Ibanez später, "aber der Ball hatte andere Pläne." Nur zwei Minuten später zeigte Filipe Juanez, dass er die gleiche Schule besucht hat: ebenfalls nach Vorlage von Varela, 2:0. Barranquilla war zu diesem Zeitpunkt noch dabei, die Schuhe zuzubinden. Trainer Özkan Kaplan von Onse Taldas stand lässig an der Seitenlinie, als sei das alles Teil seines Plans. "Wir wollten früh Druck machen, aber dass es so schnell klappt - das war fast unhöflich", sagte er mit einem Augenzwinkern. Barranquilla hingegen wirkte wie eine Schulklasse, die das falsche Klassenzimmer erwischt hatte. Der Versuch, offensiv zu spielen, verpuffte in harmlosen Pässen, und der Ballbesitz von immerhin 45 Prozent täuschte darüber hinweg, dass kaum etwas Zählbares dabei herauskam. Vier Torschüsse standen am Ende auf dem Zettel - einer pro Viertelstunde. Der Höhepunkt der ersten Halbzeit? Vielleicht die gelbe Karte für Alrik Gunnarsson in Minute sechs. Sie symbolisierte, dass Barranquilla zumindest körperlich anwesend war. Nach der Pause hofften die Gäste auf eine Wende - Trainerstatements wie "Wir müssen mutiger werden" hallten durchs Stadionmikro, aber kaum war die 47. Minute angebrochen, schon klingelte es wieder. Filipe Juanez, wieder nach Varela-Pass, schob überlegt ein. Die Fans von Onse Taldas sangen, die Barranquilla-Spieler blickten hilflos in die Abendsonne. "Ich hatte das Gefühl, wir spielen gegen eine Wand, die zurückschießt", gestand Barranquillas Mittelstürmer Andre Orth später. Übertrieben war das nicht. Onse Taldas feuerte insgesamt 21 Schüsse aufs Tor ab, während Barranquillas Keeper Tomasz Link mit allen Gliedmaßen verhindern musste, dass es zweistellig wurde. In der 81. Minute folgte dann der Schlusspunkt - wieder Juanez, diesmal nach Vorarbeit von Ibanez. Das Duo tanzte vor der Fankurve, als hätte es gerade den Titel gewonnen. "Wir verstehen uns blind", sagte Juanez, "manchmal sehe ich Fabio gar nicht - ich höre nur, wie der Ball einschlägt." Der junge Xabier Nene, gerade einmal 17 Jahre alt, durfte ebenfalls glänzen. Zwar kein Tor, aber mehrere gefährliche Abschlüsse und Dribblings, die das Publikum zum Staunen brachten. Trainer Kaplan lobte ihn ausdrücklich: "Er erinnert mich an mich selbst - nur schneller, besser und mit mehr Haaren." In Minute 60 sah Linksverteidiger Ivica Jestrovic Gelb, was den Spielfluss von Onse Taldas kurz bremste. "Ich wollte nur den Ball treffen, aber der Ball war schüchtern", erklärte Jestrovic lachend. Barranquilla versuchte es noch mit einem Wechsel in Minute 85: der verletzte Alfonso Carvalho humpelte vom Platz, Christian Nevland kam. Doch auch er konnte den Untergang nicht aufhalten. Statistisch war das Spiel so klar wie eine Wettervorhersage in der Wüste: 54,8 Prozent Ballbesitz für Onse Taldas, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 21 Schüsse aufs Tor - gegen vier kümmerliche Versuche von Barranquilla. Nach dem Abpfiff feierten die Fans ihre Mannschaft, während Barranquillas Spieler schweigend Richtung Kabine schlichen. "Das war heute Lehrfilm-Material", murmelte einer der Gäste, "leider aus der falschen Perspektive." Am Ende blieb ein 4:0, das wie eine Liebeserklärung an den Offensivfußball klang. Onse Taldas spielte schnell, präzise, frech - und Barranquilla durfte zuschauen, wie moderner Fußball aussieht. Kaplan brachte es auf den Punkt: "Wir haben nicht nur gewonnen, wir haben Spaß gehabt - und das sieht man selten im Profifußball." Und so gingen die 27.000 Zuschauer gut gelaunt nach Hause, während die Nacht über das Stadion fiel. Wer genau hinhörte, konnte sie noch hören: die Fans, die sangen, als wäre der vierte Treffer der erste gewesen. Ein Spiel, das man nicht vergisst - zumindest nicht, wenn man es aus Sicht von Onse Taldas gesehen hat. Für Barranquilla hingegen gilt: schnell abhaken, Schlaf finden, und hoffen, dass der nächste Gegner weniger Spaß versteht. 14.05.643987 21:39 |
Sprücheklopfer
Wie immer, wenn man Koffer packt, ist das alles nicht so spaßig, Hemden zusammen legen oder Hosen. Vor allem, wenn die eigene Frau nicht dabei ist.
Rudi Völler