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79500 Zuschauer in Heerenveen sahen an diesem Champions-League-Abend ein Spiel, das so wild war, dass man sich zwischendurch fragte, ob beide Trainer die Abwehrarbeit einfach aus ihrem Konzept gestrichen hatten. Am Ende gewannen die Old Boys Basel mit 4:3 beim FC Heerenveen - und Trainer André Marsmann grinste nach Schlusspfiff zufrieden: "Ich habe meiner Mannschaft gesagt: Wenn wir schon schwimmen, dann wenigstens mit Stil." Das Spiel begann, als viele Fans noch den Schal sortierten: In der 4. Minute brachte Gustav Fortin die Basler in Führung, nach Vorarbeit von Olivier Duchesne. Fortin traf so trocken, dass selbst der Rasen kurz irritiert wirkte. Heerenveen reagierte, wie man es von einem niederländischen Team erwartet: mit stürmischem Offensivgeist und der Überzeugung, dass Verteidigen ohnehin etwas für andere sei. Zwischen der 19. und 20. Minute drehten die Gastgeber mit einem Doppelschlag das Spiel. Erst Jozef Oklestek, der von Koenraad Vandermark glänzend eingesetzt wurde, dann Jan Van Tassel nach feinem Zuspiel von Rutger Wyman - und plötzlich tobte das Stadion. Van Tassel, erst 22, klatschte nach seinem Treffer in Richtung Tribüne und rief - laut Lippenlesern - etwas, das wie "Das ist unser Haus!" klang. Doch Heerenveen wäre nicht Heerenveen, wenn die Euphorie länger als ein holländischer Frühling gehalten hätte. Connor Maxwell nutzte in der 35. Minute eine Schlafmützigkeit der Defensive und glich zum 2:2 aus. Sein Coach Marsmann drehte sich danach zu seinem Assistenten und murmelte: "Ich sag’s dir, der Junge schießt lieber als er denkt." Zur Pause stand es also 2:2, und beide Trainer versuchten in den Katakomben offenbar, das Chaos in geordnete Bahnen zu lenken. Gelungen ist das nur bedingt. Gleich nach Wiederanpfiff (46.) traf erneut Van Tassel, diesmal nach Vorlage von Marco Derlei. 3:2 für Heerenveen - der Jubel überschlug sich. Trainer Adam Kramer sprang von der Bank und schrie: "Genau das meinte ich mit ’einfach machen’!" Doch wieder kam Basel zurück. Zwei Minuten später (48.) schlug Duchesne zu, der zuvor schon als Vorlagengeber geglänzt hatte. Diesmal netzte er selbst ein, nach einem feinen Pass von Shefki Hyypiä. 3:3 - und die Old Boys zeigten, dass sie trotz des Namens keineswegs alt sind. Das 4:3 für Basel fiel in der 72. Minute. Miguel Albentosa, der bullige Mittelstürmer, köpfte eine Ecke von Louis Patton wuchtig ins Tor. Danach schien die Luft raus, zumindest bei Heerenveen. Zwar feuerten sie insgesamt 18 Schüsse ab (Basel brachte es auf 11), doch der Ballbesitz sprach mit 52 Prozent leicht für die Schweizer. Trainer Kramer wirkte nach dem Abpfiff wie jemand, der gerade erfahren hat, dass sein Lieblingscafé schließt. "Wir haben alles gegeben, sogar ein bisschen zu viel vorne", sagte er mit bitterem Lächeln. "Hinten waren wir dann wohl auf Kaffeepause." Verteidiger Hanson Van Keuren, der in der 81. Minute Gelb sah, zuckte nur mit den Schultern: "Wenn du vier kassierst, brauchst du keine Statistik mehr." Basel dagegen feierte ausgelassen. Gustav Fortin, der Torschütze zum 1:0, sagte: "Wir sind keine Superstars, aber heute haben wir so gespielt, als hätten wir’s vergessen." Sein Trainer Marsmann ergänzte trocken: "Wir wollten offensiv sein - und siehe da, das hat funktioniert. Ich weiß nur nicht, ob mein Herz das im Rückspiel nochmal mitmacht." Heerenveen warf in den letzten Minuten alles nach vorne, mit jungen Wilden wie Aljosa Benko und Koenraad Vandermark, die sich in jeden Ball warfen, als hinge die Welt davon ab. Doch Basel verteidigte clever, manchmal auch einfach glücklich. Als der Schlusspfiff ertönte, tanzten die Basler Spieler im Mittelkreis, während Heerenveens Fans trotzig klatschten - ein bisschen aus Stolz, ein bisschen aus Verzweiflung. Ein Spiel, das man in Lehrbüchern wohl unter "Spektakel mit Nebenwirkungen" einsortieren wird. Basel zieht in die nächste Runde ein, Heerenveen bleibt der Trost, wenigstens die Zuschauer bestens unterhalten zu haben. Oder wie der Stadionsprecher beim Abgang lakonisch sagte: "Wenn Verlieren immer so aussieht, kommen morgen doppelt so viele." 16.01.643991 07:39 |
Sprücheklopfer
Man darf das Spiel doch nicht so schlecht reden wie es wirklich war.
Olaf Thon