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Ein kühler Märzabend, Flutlicht, 3665 Zuschauer - und ein Spiel, das man getrost unter die Kategorie "Lehrstunde in Effizienz" verbuchen darf. Am 28. Spieltag der Oberliga F empfing der SSV Oberspree den norddeutschen Gast Empor Rostock. Die Gastgeber rannten, drückten, schnauften - die Rostocker trafen. Das Endergebnis: 1:2 (0:2). Schon in den ersten Minuten war klar, dass die Oberspreeer ihre Heimstärke unbedingt beweisen wollten. Trainer Markus Wendt - bekannt für seinen Hang zur Offensivromantik - ließ sein Team in der gewohnten 4-3-3-Ausrichtung anlaufen. "Wir wollten früh draufgehen, dem Gegner keine Luft zum Atmen lassen", erklärte Wendt später, während er sich mit einer Mischung aus Stolz und Verzweiflung den Kragen seiner Trainingsjacke hochzog. Doch kaum war die Anfangseuphorie verklungen, schlugen die Gäste zu. In der 19. Minute setzte Empors Jakob Hauser auf der rechten Seite zu einem dieser typischen Flügelläufe an, die aussehen, als würde er auf Schienen laufen. Seine flache Hereingabe erreichte Linus Weber, der den Ball eiskalt ins linke Eck schob - 0:1. "Ich hab einfach nur den Fuß hingehalten", grinste Weber später, "aber wenn’s so einfach wäre, würde ich das öfter machen." Das Publikum sah das weniger humorvoll und quittierte die kalte Dusche mit einem kollektiven Raunen. Oberspree antwortete mit einem wahren Feuerwerk an Chancen. Christoph Renner prüfte Keeper Max Falk gleich mehrfach, Meik Meier zirkelte Bälle, als wolle er Kunstwerke schaffen - doch der Ballbesitz (50,5 %) blieb ebenso folgenlos wie die elf Torschüsse. "Wenn Ballbesitz Tore wäre, hätten wir heute 5:2 gewonnen", seufzte Kapitän Alexander Koller später in der Mixed Zone. Und dann kam die 41. Minute - und mit ihr der zweite Dämpfer. Nach einem schnellen Doppelpass im Mittelfeld bediente der junge Maurice Hofmann den agilen Simon Kessler, der trocken vollendete. 0:2 - und Empor Rostock durfte sich schon zur Pause als Musterknabe in Sachen Effizienz feiern lassen. Trainer Johan Johansson nickte zufrieden: "Wir haben das gespielt, was wir können - und nichts, was wir nicht müssen." Die zweite Halbzeit begann, als hätte Oberspree sich in der Kabine selbst eine Standpauke gehalten. Nur vier Minuten nach Wiederanpfiff brachte Hans Wurst, der für gewöhnlich als Dauerläufer bekannt ist, plötzlich den Glauben zurück. Nach schöner Vorarbeit von Johann Körner knallte er den Ball aus 18 Metern unter die Latte. 1:2 - die Arena tobte. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen, aber dann hat’s einfach gerummst", beschrieb Wurst später lachend. Was folgte, war ein einziger Sturmlauf. Meier, Renner, Koller - sie alle versuchten, Falks Tor zu knacken. Der junge Rostocker Keeper, gerade mal 19 Jahre alt, wuchs über sich hinaus. In der 77. Minute fischte er mit einer Hand einen Kopfball von Koller aus dem Winkel - eine Szene, über die man in Rostock wohl noch länger sprechen wird. Empor hingegen begnügte sich mit Kontern, die mal gefährlich, mal unkoordiniert wirkten. Doch Johansson ließ sein Team ruhig bleiben, kein Pressing, kein hektisches Umschalten. "Wir sind keine Sprinter, wir sind Segler", sagte der Schwede später mit einem Augenzwinkern. "Wenn der Wind günstig steht, nutzen wir ihn." Die letzten Minuten gehörten wieder Oberspree - Schüsse in der 79. und 86. Minute, beide Male knapp vorbei, beide Male begleitet vom verzweifelten Aufstöhnen der Fans. Als Schiedsrichterin Sandra Tietze schließlich abpfiff, lag in der Luft eine Mischung aus Frust und Respekt. Statistisch gesehen war es ein Duell auf Augenhöhe: 11:7 Torschüsse, fast ausgeglichener Ballbesitz. Und doch fühlte es sich für Oberspree an wie eine jener Partien, in denen man alles richtig macht - außer Tore. "Wir haben Moral gezeigt, aber Moral steht nicht auf der Anzeigetafel", fasste Trainer Wendt trocken zusammen. Johansson dagegen grinste: "Manchmal reicht’s, wenn man einfach nicht so viel nachdenkt." Ein norddeutscher Pragmatismus, der an diesem Abend den Unterschied machte. Und so blieb den Oberspreeern nur der Trost, dass man Spiele wie dieses nicht vergisst - weder als Spieler noch als Fan. Denn wer einmal erlebt, wie ein Hans Wurst das Stadion elektrisiert, der weiß: Fußball ist manchmal grausam, aber nie langweilig. 30.07.643993 15:21 |
Sprücheklopfer
Kopfball war für mich immer so etwas ähnliches wie Handspiel.
Günter Netzer