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Wenn ein 0:0 jemals einen Unterhaltungswert beanspruchen durfte, dann wohl dieses. Am 11. Spieltag der 2. Liga Österreich lieferten sich der FC St. Pölten und der FC Höchst ein torloses Spektakel, das weniger durch Tore, dafür aber durch Energie, Aluminiumtreffer und robuste Zweikämpfe glänzte. 19 709 Zuschauer im NV‑Arena‑Rund erlebten am Samstagabend ein Spiel, das so eng war wie die Mütze des Schiedsrichters in der Januarkälte. Von Beginn an drückten die Gäste aus Höchst aufs Gas. Schon in der 4. Minute feuerte Filippo Platania den ersten Warnschuss ab - Torwart Prokhor Stalenkow wischte den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte. "Da wusste ich gleich: Heute wird’s ein langer Abend", grinste der St. Pöltner Schlussmann später. Peter Sommer, der Höchster Stoßstürmer mit dem Namen eines Sommerfilms, hatte gleich drei Mal die Führung auf dem Fuß (7., 10., 16.), scheiterte aber jedes Mal an Stalenkow oder seiner eigenen Nervosität. Trainer Ronnie Ekström, sonst ein Mann der nordischen Gelassenheit, sprang an der Seitenlinie herum wie ein Dirigent ohne Orchester. "Wir hätten nach 20 Minuten 3:0 führen müssen", schnaubte er nach der Partie. Tatsächlich stand zu diesem Zeitpunkt bereits ein 7:0 bei den Torschüssen für die Gäste auf der Statistiktafel. Doch Tore sind bekanntlich Mangelware, wenn man das Tor nicht trifft. Erst in der 22. Minute meldete sich St. Pölten an: Bruno Andrade prüfte Höchsts Keeper Alexandre Marchand mit einem satten Schuss, kurz darauf wieder - diesmal musste Marchand fliegen wie ein Handballtorhüter. Das Publikum wachte auf, die Fans riefen "Jetzt geht’s los!", doch das Spiel blieb ein Duell der Torhüter. Bitter wurde es für die Hausherren in der 30. Minute: Innenverteidiger Joschua Krause verdrehte sich das Knie und musste ausgewechselt werden. "Ich hab’ den Rasen beleidigt, der hat sich gewehrt", witzelte er später auf Krücken. Jake Locklear kam neu ins Spiel - und sollte später noch selbst einen Schuss aufs Tor abgeben (86.). Zur Pause stand es 0:0, aber an Langeweile dachte niemand. Höchst hatte zu diesem Zeitpunkt zwölf Torschüsse, St. Pölten drei - und beide Trainer rauften sich schon die Haare. Pet Fun, der St. Pöltner Coach mit dem passend ironischen Namen, sagte: "Ich hab’ meinen Jungs gesagt: Wenn ihr das Tor nicht trefft, trefft wenigstens die Herzen der Fans." Nach dem Seitenwechsel blieb die Partie offen. Filippo Platania (55.) und Ersatzmann Jacques Edgecomb (66.) ließen weitere Chancen liegen, während St. Pöltens Bruno Andrade (68.) wieder einmal in Marchand seinen Meister fand. Höchst wechselte munter durch - Ekström brachte den 18‑jährigen Hanns Schreiber, der prompt Gelb sah (87.) und kurz darauf fast das Siegtor erzielte (89.). "Ich wollte zeigen, dass ich keine Angst hab’, auch wenn der Gegner doppelt so alt aussieht", grinste der Teenager nach Abpfiff. In der Nachspielzeit dann noch ein Schreckmoment: Höchsts Abwehrchef Jose Maria Morales blieb nach einem Zweikampf liegen und musste behandelt werden. Ekström wirkte angespannt: "Das sah nicht gut aus, hoffentlich ist es nur eine Prellung." Statistisch liest sich das Spiel wie ein kleiner Krimi ohne Leiche: 19 Torschüsse für Höchst, nur 8 für St. Pölten, dazu 55 Prozent Ballbesitz für die Gastgeber - aber keine Tore. Die Zweikampfquote sprach mit 54 Prozent leicht für die Gäste, die trotz Überlegenheit nichts Zählbares mitnahmen. "Manchmal ist Fußball wie ein Roman mit zu vielen Kapiteln, aber ohne Pointe", meinte Pet Fun, als er nach Spielende auf der Pressekonferenz seinen Kaffee umrührte. "Aber immerhin ein spannender Roman." Der Schiedsrichter pfiff nach 93 Minuten ab, und beide Teams wirkten gleichzeitig enttäuscht und erleichtert. Die Fans spendeten Applaus - wohlwissend, dass sie zwar keine Tore, aber immerhin ehrlichen Kampf gesehen hatten. Ein älterer Zuschauer fasste es auf der Tribüne treffend zusammen: "Das war kein 0:0, das war ein 19:19 an vergebenen Chancen!" Und so bleibt St. Pölten weiter im Tabellenmittelfeld, während Höchst sich fragt, wie man so viele Möglichkeiten ungenutzt lassen kann. Vielleicht hilft das nächste Training - oder ein Glücksbringer. Denn wenn man aus diesem Abend etwas lernen konnte, dann das: Ein torloses Unentschieden kann manchmal lauter krachen als ein 5:4. Bis dahin bleibt nur der trockene Kommentar eines Zuschauers beim Hinausgehen: "Naja, wenigstens friert man nicht beim Jubeln." 14.05.643987 21:03 |
Sprücheklopfer
Wenn ich den Fans den Stinkefinger zeige, weiß ich, dass ich im nächsten Spiel ausgepfiffen werde. Das macht mich richtig geil auf das Spiel.
Mario Basler