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Ein 0:0 der unterhaltsameren Sorte bekamen die 27.910 Zuschauer im KCOM Stadium zu sehen, als die Hull Tigers am späten Samstagabend auf Crewe Alexandra trafen. Tore? Fehlanzeige. Spannung? Jede Menge. Und wenn man Trainer Mathias Oergel nach Abpfiff glauben darf, dann war das "eigentlich ein 3:0, nur ohne Tore." Von Beginn an war klar: Die Tigers wollten das Heft des Handelns in die Hand nehmen. Schon nach drei Minuten prüfte Luca Engelhardt den Gäste-Keeper mit einem satten Linksschuss - die Latte vibrierte noch, als der Stadionsprecher gerade die Aufstellung vorlas. "Ich dachte, der Ball ist drin", grinste Engelhardt später, "aber anscheinend hatte der Pfosten heute was gegen mich." Crewe Alexandra versteckte sich allerdings nicht. Fünf Minuten später zog der junge Billy Ackland von links ab - Hulls Torwart Joel Eliot musste sich lang machen. Es entwickelte sich ein offener Schlagabtausch, bei dem man das Gefühl hatte, beide Teams hätten sich heimlich auf ein Remis geeinigt, aber vergessen, das Spiel abzusagen. In der 12. Minute dann der erste energische Farbtupfer: Gelb für Hulls Innenverteidiger Isaac Lankford, nachdem er Crewes Teenager Lewis Greaves unsanft daran hinderte, das Wort "Torgefahr" zu buchstabieren. Der Schiedsrichter zückte die Karte so zügig, dass man kurz überlegte, ob er sie schon vorher gezückt hatte. Hull blieb feldüberlegen - 51,7 Prozent Ballbesitz -, doch Crewe verteidigte clever. Lewis Payne und Billy Chamberlain feuerten aus der Distanz, Engelhardt versuchte es gleich mehrfach (3., 24., 35., 44., 67., 93. Minute). "Ich hab’s dann irgendwann als Torschuss-Training betrachtet", scherzte der Stürmer. Zur Pause wechselte Oergel gleich dreifach: Günther Götz kam für Fikret Asik, Joao Munoz ersetzte Lankford, und der junge Jürgen Petersen durfte für Connor Wiltshire ran. "Wir wollten frischen Wind reinbringen - und vielleicht auch ein bisschen Chaos, das hilft manchmal", erklärte Oergel mit einem Augenzwinkern. Auf der Gegenseite reagierte Crewe-Coach Urs Lustig defensiv wie ein Schachgroßmeister, der nur noch Remis braucht. "Wir wussten, Hull wird drücken. Aber wir wollten sie laufen lassen - im Februar ist das ja gesund", sagte Lustig nach dem Spiel trocken. Die zweite Halbzeit begann mit einem Paukenschlag - leider nur akustisch: Die Tigers-Fans hatten genug von knapp daneben und forderten lautstark "ein Tor, bitte!". Doch Hull blieb beim Chancen-Sammeln: Petersen (47., 64.) zielte knapp vorbei, Munoz köpfte in der 59. Minute nach einer Ecke - direkt auf den Keeper. Dann der Schockmoment in der 58. Minute: Günther Götz blieb nach einem Zweikampf liegen. Der junge Flügelspieler musste behandelt werden, konnte aber nach kurzer Pause weitermachen. "Ich hab nur kurz den Rasen inspiziert, top Qualität übrigens", witzelte er später. Gelbe Karten sammelten die Tigers dann fast so fleißig wie Torschüsse: Chamberlain (29.), Lujan (58.), Goncalves (66.) und Munoz (80.) sahen Gelb. Crewes Evan Hathaway wollte da offenbar nicht hinten anstehen und meldete sich in der 82. Minute ebenfalls mit Gelb an. Crewe hatte in der Schlussphase sogar die besseren Gelegenheiten: Benjamin Bloomfield (70.) und Robert Fryer (87.) prüften Hulls Torwart mit Distanzschüssen, und als in der 90. Minute sogar Innenverteidiger Evan Hathaway auftauchte, hielt das ganze Stadion den Atem an - aber auch er zielte zu genau auf Eliot. Am Ende stand ein torloses Unentschieden, das keiner so richtig einordnen konnte. "Für die Statistik gut, fürs Herz weniger", meinte ein Zuschauer beim Hinausgehen. Die Zahlen gaben ihm recht: 15 Torschüsse Hull, 11 Crewe, 51 zu 48 Prozent Ballbesitz, Zweikampfquote 51,1 zu 48,8 - eine Partie auf Augenhöhe, bei der nur das Netz unberührt blieb. Trainer Oergel nahm’s gelassen: "Wenn wir nächste Woche genauso gut spielen, dann fällt auch einer rein. Oder zwei. Oder wir malen sie einfach auf die Anzeigetafel - das spart Nerven." Lustig konterte mit einem Lächeln: "Wir haben das 0:0 gewollt. Und manchmal kriegt man im Leben genau das, was man will." Fazit: Ein 0:0 der besseren Sorte - kein Tor, aber viele Geschichten. Und wer genau hinsah, konnte erkennen: Im Februar-Frost von Hull wurde kein Spiel verschenkt, sondern ein Punkt erarbeitet. Ein Punkt, der vielleicht am Ende der Saison wichtiger sein wird, als es dieser Abend vermuten ließ. Und irgendwo in der Kabine hängt jetzt wohl ein Zettel: "Nächstes Mal treffen!" 10.06.643990 20:06 |
Sprücheklopfer
Man darf über ihn jetzt nicht das Knie brechen.
Rudi Völler