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Es war ein lauer Märzabend in Tychy, 20.250 Zuschauer hatten sich eingefunden, um den Auftakt der neuen Saison der 1. Liga Polen zu erleben. GKS Tychy gegen SK Pruszkow - das klang nach solidem Unterhaus-Fußball, und genau das bekamen die Fans: viel Einsatz, reichlich Chancen, aber kein einziger Treffer. Am Ende hieß es 0:0, ein Ergebnis, das in seiner Trockenheit fast schon poetisch wirkte. Dabei begann die Partie durchaus lebendig. Schon in der sechsten Minute prüfte Zbigniew Wawrzyczek den Pruszkower Keeper Pedro Sousa mit einem satten Schuss aus 20 Metern - der Ball zischte knapp vorbei. Sousa rief seinem Verteidiger Kamil Niedzielan etwas zu, das man sinngemäß als "Ich habe das im Griff!" deuten konnte. Drei Minuten später drehte sich das Bild: Yves Schäfer, der 19-jährige rechte Mittelfeldspieler von Pruszkow, zog beherzt ab, und GKS-Keeper Sebastian Ratajczyk musste zum ersten Mal ernsthaft eingreifen. Von da an übernahm SK Pruszkow zunehmend die Kontrolle. Mit 56 Prozent Ballbesitz und insgesamt 15 Torschüssen hatten sie das Geschehen fest in der Hand. Dario Poggi, der bullige Linksaußen, war dabei der auffälligste Mann. Seine Abschlüsse in der 18., 21., 35., 50. und 53. Minute ließen die Fans der Gäste mehrfach aufspringen - doch entweder ging der Ball daneben oder Ratajczyk hatte seine Finger dazwischen. "Ich dachte irgendwann, das Tor ist heute einfach zu klein", grinste Poggi nach dem Spiel frustriert. Tychy hingegen versuchte, über Kampf ins Spiel zu kommen. Trainer Christian Reuss gestikulierte wild an der Seitenlinie, als seine Mannschaft in der ersten Halbzeit kaum über die Mittellinie kam. "Wir wussten, dass Pruszkow spielerisch stark ist. Da musst du laufen, und zwar viel", erklärte Reuss später und fügte mit einem Zwinkern hinzu: "Manchmal vielleicht zu viel." Nach der Pause brachte er frische Beine: Antonio Ferron ersetzte den glücklosen Brandon Prentiss, kurz darauf kam Diego Meira für Heinrich DeBrosse, und in der 56. Minute durfte Grzegorz Zuraw ran - ein Wechsel, der sich zumindest in Sachen Leidenschaft auszahlte. Zuraw brachte Unruhe in die Defensive der Gäste, kassierte aber in der 78. Minute prompt Gelb, nachdem er den jungen Marcello Amendolara etwas zu hart vom Ball trennte. "Das war kein Foul, das war Körperpflege!", verteidigte sich Zuraw lachend vor den Reportern. Die Schlussphase hatte es dann in sich. Zwischen der 75. und 85. Minute jagte Pruszkow-Stürmer Amadeus Kowalik gleich viermal den Ball Richtung Tychy-Tor - allesamt gefährlich, allesamt erfolglos. Und als in der 89. Minute Zuraw auf der Gegenseite noch einmal abzog, hielt Sousa im Pruszkower Kasten mit einer spektakulären Parade das 0:0 fest. "Ich nehme den Punkt mit, aber eigentlich hätten wir drei verdient gehabt", sagte SK-Trainer Stefan Petruck nach dem Abpfiff, während Reuss neben ihm trocken entgegnete: "Dann hätten Sie eben ein Tor schießen müssen." Beide lachten - so ehrlich kann Fußball sein. Statistisch war Pruszkow das klar bessere Team: 15 zu 8 Torschüsse, mehr Ballbesitz, eine höhere Zweikampfquote. Doch Tychy hielt mit Leidenschaft dagegen, blockte, grätschte, rannte - und hatte in Ratajczyk den Mann des Abends zwischen den Pfosten. Der Keeper parierte alles, was auf ihn zuflog, und winkte nach dem Schlusspfiff ins Publikum, als hätte er gerade das WM-Finale gewonnen. Die Zuschauer honorierten es mit Applaus. Ein älterer Fan auf der Haupttribüne sagte kopfschüttelnd: "Kein Tor, aber wenigstens Herz." Das fasst diesen Abend wohl am besten zusammen. Ein Spiel ohne Sieger, aber mit vielen Geschichten - und mit der Erkenntnis, dass ein 0:0 manchmal spannender sein kann als so mancher 4:3-Krimi. Wer Tore sehen wollte, musste sich an diesem Abend mit der Fantasie behelfen; wer Fußballarbeit schätzt, kam voll auf seine Kosten. Und so bleibt am Ende nur festzuhalten: Pruszkow wird sich ärgern, Tychy wird aufbauen - und beide werden wissen, dass die Saison noch lang ist. Oder, wie Trainer Reuss es augenzwinkernd formulierte: "Wenn wir so weiterspielen, treffen wir vielleicht im Mai." 14.12.643993 13:02 |
Sprücheklopfer
Da sind meine Gefühle mit mir Gassi gegangen.
Jürgen Klinsmann