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Von unserem Reporter im Stadion Rodengo Saiano - 3491 Zuschauer kamen am Samstagabend zum Viertelfinal-Rückspiel des Liga-Pokals der italienischen 3. Liga, um Tore zu sehen. Sie sahen stattdessen, wie Noicattaro 90 Minuten lang gegen eine Wand aus gelb-blauen Beinen anrannte - und sich am Ende mit einem 0:0 begnügen musste, das sich für die Gäste anfühlte wie eine Niederlage. Noicattaro spielte, Rodengo Saiano verteidigte - und beide blieben ihren Rollen treu wie in einem schlecht inszenierten Theaterstück mit zu viel Pathos. Schon nach sieben Minuten prüfte Brandon Anderson, der pfeilschnelle Rechtsaußen der Gäste, den jungen Keeper Igor Zunino. Der 17-Jährige reagierte, als hätte er nie etwas anderes getan, und faustete den Ball über die Latte. "Ich hab nur den Ball gesehen - und dann gar nichts mehr", grinste Zunino später, während ihm sein Torwarttrainer eine Cola reichte. Anderson blieb der aktivste Mann auf dem Platz, schoss in der ersten Halbzeit gleich fünfmal aufs Tor - allerdings immer so, dass die Kugel Zunino eher streifte als erschreckte. In der 14. Minute probierte es Isidoro Ze Castro aus der Drehung, in der 25. wieder Anderson, dann in der 33. Minute noch einmal. "Ich hätte wohl auch mit verbundenen Augen geschossen, vielleicht wäre der dann mal reingegangen", knurrte Anderson nach dem Schlusspfiff. Rodengo Saiano? Nun, sie waren da. In der 39. Minute wagte Alessandro Vegliaturo den ersten Torschuss, in der 41. folgte der 18-jährige Gaetano Uffugo. Beide Male klatschte der Ball in die Hände des erfahrenen Mario Zabavnik - bis der Pechvogel in der 36. Minute verletzt raus musste. Keeper-Kollege Diego Moran kam rein, und Trainer Claus Steffen kommentierte später trocken: "Ich hätte lieber meinen Masseur eingewechselt, der hat wenigstens noch nie einen Ball durchgelassen." Während Noicattaro weiter das Spiel diktierte (59 Prozent Ballbesitz, 18:4 Torschüsse - eine Statistik wie aus einem Computerspiel), blieb Rodengo Saiano taktisch eisern defensiv-balanciert. Trainer Jan Beyer hatte seine Jungs offenbar mit der Parole "Ball? Unnötig!" eingestellt. Kein Pressing, kaum Vorstöße, aber ein eiserner Wille, das 0:0 zu halten. "Wir wollten sicher stehen und die Nerven behalten", erklärte Beyer hinterher. "Und wenn man keine Tore kassiert, kann man auch nicht verlieren." Die zweite Halbzeit lief nach demselben Drehbuch: Noicattaro stürmte, Anderson ballerte weiter, Ze Castro scheiterte aus spitzem Winkel in der 52. Minute, und Davide Lucido versuchte es aus der Distanz. Auf der anderen Seite musste Moran erst in der 61. Minute wieder eingreifen - erneut gegen Uffugo, der diesmal immerhin einen Hauch Torgefahr versprühte. Dann wurde es kurz turbulent: In der 73. Minute sah Noicattaros Adrian Bruun Gelb, nachdem er beim Versuch, Jean Demers vom Ball zu trennen, eher den Oberschenkel traf. "Ich hab den Ball gespielt", beschwerte er sich - worauf der Schiedsrichter mit todernster Miene antwortete: "Welchen?" Bruun grinste später: "Wenn er schon so einen Spruch bringt, kann ich ja kaum böse sein." In der Schlussphase warf Noicattaro noch einmal alles nach vorn. Dario Cattaneo scheiterte in der 83. Minute, James Doyle prüfte den Keeper in der 85., und wieder Anderson - natürlich Anderson - in der 86. Minute. Zunino hielt alles, was kam, und wuchs zum Helden des Abends. "Er hat Hände wie Klettverschlüsse", schwärmte Mitspieler Lorenzo Montegiordano nach dem Spiel. Trainer Beyer dagegen blieb auf dem Boden: "Er hat gut gehalten, ja. Aber in unserer Kabine bekommt er jetzt erstmal den Deckel, weil er beim Abstoß zweimal den Ball fast verloren hat." Am Ende leuchtete die Anzeigetafel: 0:0. Ein Ergebnis, das Noicattaro weh tat - und Rodengo Saiano feierte, als hätten sie die Champions League gewonnen. "Ich weiß gar nicht, wie wir das geschafft haben", lachte Kapitän Luca Piemontese. "Vielleicht hat der liebe Fußballgott heute einfach Mitleid gehabt." Claus Steffen sah das anders: "Wenn man 18 Schüsse abgibt und keinen reinmacht, dann hat der Fußballgott Urlaub." So blieb es bei der Nullnummer - einem Spiel, das sich in die Kategorie "Wer nichts wagt, gewinnt auch nichts" einordnet. Rodengo Saiano wagte tatsächlich wenig und gewann dadurch fast alles: den Einzug ins Halbfinale, den Respekt des Publikums und vermutlich eine Ehrenrunde Freibier im Vereinsheim. Und Noicattaro? Die müssen lernen, dass Ballbesitz keine Währung ist, wenn man sie nicht in Tore ummünzt. Vielleicht tröstet sie ja der Gedanke, dass man auch mit 18 Torschüssen Geschichte schreiben kann - als Team, das alles tat, außer treffen. 12.10.643987 05:50 |
Sprücheklopfer
Freundschaften zählen für mich sehr, aber nicht in diesem Geschäft. Ich habe Jürgen Gelsdorf vor die Tür gesetzt, der war sogar mein Trauzeuge.
Rainer Calmund