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Wenn ein 0:0 mehr erzählt, als es sollte, dann war es dieses hier: die Rochester Horns und die New York Eagles trennten sich am 4. Spieltag der 1. Liga USA torlos - aber keineswegs ereignislos. 36.000 Zuschauer im Horns Stadium sahen, wie zwei Teams sich abarbeiteten, ohne den Ball über die Linie zu bringen. "Wir haben alles gegeben - nur der Ball wollte nicht hören", seufzte Horns-Trainer Brisco Schneider nach dem Abpfiff und wischte sich den Regen von der Stirn. Die Partie begann furios: Schon in der ersten Minute prüfte Lewis Whelan den Eagles-Keeper Oscar Cunha mit einem satten Schuss - ein Weckruf, der allerdings vor allem die Gäste zu erhöhter Aktivität anstachelte. Während Rochester mit ausgewogener Taktik und wenig Pressing agierte, setzten die Eagles von Beginn an auf aggressives Flügelspiel. Trainer Ho Si hatte offenbar "Wings" nicht nur als Taktik, sondern als Lebensmotto ausgegeben. Gerhard Bach, der rechte Flügelflitzer der Eagles, war der auffälligste Mann der ersten Hälfte. In der 11. Minute zwang er Horns-Torwart Corey Ross zu einer Parade, die man in Rochester wohl noch Jahre besingen wird. "Ich hab’s einfach gespürt", grinste Ross später, "der Ball wollte rein, aber ich wollte mehr." Neben ihm wackelte die Defensive der Horns, doch Innenverteidiger Pol Jorge hielt, was zu halten war - inklusive eines waghalsigen Grätschenballetts gegen den jungen Leandro Cunha. Auf der Gegenseite versuchte Nelson Santos, das Spiel in die Hand zu nehmen. Der quirlige Linksaußen feuerte gleich drei Mal aus allen Lagen (2., 50., 53.), aber seine Schüsse blieben harmlos - man munkelt, dass einer davon eher Richtung Hotdog-Stand flog als in den Strafraum. "Ich wollte Druck machen", verteidigte sich Santos nach dem Spiel lachend. "Leider kam nur Dampf." Zur Halbzeit stand es 0:0, aber das Publikum war durchaus unterhalten. Die Eagles hatten mehr Ballbesitz (51,9 Prozent) und elf Torschüsse gegenüber den sieben der Horns, doch beide Teams fehlte der letzte Funke Idee. Trainer Ho Si kommentierte trocken: "Wir spielen sicher, aber nicht sicher genug, um zu treffen." Nach dem Seitenwechsel wurde es ruppiger. Der 19-jährige Rhys Lankford von den Eagles sah in der 65. Minute Gelb, nachdem er Santos mit einem rustikalen Einsteigen klarmachte, dass Jugend kein Freifahrtschein ist. Fünf Minuten später rächte sich das Schicksal - auf der anderen Seite verletzte sich Horns-Verteidiger Carl Frechaut unglücklich und musste vom Feld. Die anschließende Einwechslung von Luke Lester brachte frischen Wind, aber keine Tore. "Carl meinte, er hätte nur kurz Sternchen gesehen", erzählte Coach Schneider später. "Ich hab gesagt: Dann siehst du wenigstens mehr als wir vorm Tor." Während die Eagles weiter über die Flügel kamen und Bach in der 82. Minute noch einmal gefährlich abschloss, blieb Rochester im Konter harmlos. Es war ein Spiel, das nach Tor roch, aber nach Punktteilung schmeckte. Die Zuschauer applaudierten trotzdem - vielleicht aus Dankbarkeit, dass niemand einschlief. Statistisch gesehen hatten die Eagles leicht die Nase vorn - mehr Schüsse, mehr Ballbesitz, eine Spur mehr Aggressivität. Aber Rochester hielt mit Einsatz dagegen, kämpfte um jeden Ball, und Keeper Ross war der heimliche Held des Abends. "Wenn man kein Tor schießt, muss man wenigstens schön verteidigen", meinte er süffisant und bekam dafür von Santos einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. Trainer Ho Si nahm das Remis mit asiatischer Gelassenheit: "Ein Punkt ist besser als keiner. Und unsere Flügel funktionieren - jetzt brauchen wir nur noch einen Kopf, der trifft." Schneider hingegen verschwand mit einem Grinsen in den Katakomben: "Wenn man null Tore kassiert, hat man die halbe Miete. Jetzt müssen wir nur noch den Vermieter überzeugen, uns ein Tor zu schenken." So endete ein Abend, an dem kein Ball im Netz zappelte, aber viele Nerven flatterten. Rochester Horns gegen New York Eagles - ein 0:0, das irgendwo zwischen Krimi, Komödie und Kaffeepause pendelte. Und trotzdem: Wer hier Langeweile sah, hat das Spiel wohl mit geschlossenen Augen verfolgt. 06.03.643987 06:52 |
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Aus der Ferne betrachtet ist es alles nur eine Frage der Distanz.
Klaus Toppmöller