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Ein lauer Februarabend in Stoke-on-Trent, 32.040 Zuschauer, Flutlicht, ein leicht nervöser Rasen, und zwei Mannschaften, die sich in der 2. Liga Englands nichts schenken wollten. Am Ende stand ein schmales 0:1 aus Sicht der Hausherren von Stoke City gegen die Norwich Canaries - ein Ergebnis, das auf dem Papier solide klingt, in der Realität aber wie ein schlechter Witz wirkte, wenn man sich die Chancenverteilung ansah. "Ich weiß nicht, wie oft wir aufs Tor geschossen haben, aber gefühlt hätte es für zwei Siege gereicht", knurrte Stokes Trainer Horst Fiedler nach der Partie, während er seine Mütze tiefer ins Gesicht zog. Die Statistik bestätigte seinen Eindruck: 14 Torschüsse, kein Treffer. Norwich kam auf zehn - und traf einmal. Dieses eine Mal, das war in der 27. Minute, als der junge Harvey Corraface, 20 Jahre alt und mit der Gelassenheit eines erfahrenen Profis, einen schnellen Pass von Christopher Stanton annahm, kurz verzögerte und dann trocken ins rechte Eck abschloss. Keeper Simcha Amir streckte sich vergeblich, das Netz zitterte, und die Canaries flatterten jubelnd davon. "Ich hab einfach instinktiv abgezogen", sagte Corraface später mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen jugendlicher Unschuld und berechtigtem Stolz pendelte. Bis dahin hatte Stoke eigentlich das aktivere Spiel gezeigt. Schon in der sechsten Minute prüfte Louis Kirkwood Norwichs Torwart Edward Lankford, der mit einem Katzenreflex klärte. Der 19-jährige Baysal Denizli scheiterte kurz darauf per Drehschuss - ein Talent mit Mut, aber ohne Fortune. "Wenn der reingeht, reden wir heute ganz anders", murmelte Fiedler in der Pressekonferenz, und man glaubte ihm. Norwich dagegen spielte, als hätte jemand den Gang auf "Kontrolle" gestellt. 56 Prozent Ballbesitz, viele sichere Kurzpässe, wenig Risiko. Mister Unbekannt - der Trainer, der seinem Namen alle Ehre machte - gestikulierte an der Seitenlinie nur sporadisch. "Wir wollten Ruhe ins Spiel bringen", erklärte er später. "Das war nicht schön, aber effektiv." Das konnte man so unterschreiben. Nach der Pause reagierte Stoke mit einem Dreifachwechsel: Der erfahrene Dusko Jovanovic kam für den jungen Grantham, Gabor Feher ersetzte Liam Gross, und vorne durfte Jose Duran ran. Neue Energie, neue Hoffnung - doch das Drehbuch blieb das gleiche. Kirkwood und Jovanovic schossen aus allen Lagen, Lankford hielt alles, was in seine Nähe kam. Einmal flog der Ball so knapp vorbei, dass der Kommentator in der Pressetribüne "Tor!" rief - nur um sich dann verlegen zu räuspern. Norwich beschränkte sich aufs Nötigste. Ein paar Nadelstiche durch Miguel Garcia und Oscar Craven, ein ruhiger Aufbau aus der Defensive, und ansonsten viel Zeitmanagement. In der 84. Minute sah Noah Roades noch Gelb, weil er die Uhr etwas zu offensichtlich runterlaufen ließ - das Publikum quittierte es mit gellenden Pfiffen und ironischem Applaus. In der Schlussphase drückte Stoke, als ginge es um die Premier-League-Meisterschaft. Jovanovic prüfte Lankford in der 74. Minute, Kirkwood schoss in der 81. über das Tor, und der junge Feher versuchte es in der 87. aus der Distanz - wieder nichts. Fiedler stand inzwischen an der Seitenlinie, die Hände in den Hosentaschen, und murmelte: "Ich glaub, das Tor ist heute kleiner." Als der Schlusspfiff ertönte, jubelten die Canaries verhalten, fast höflich. Sie wussten, dass sie hier eher überlebt als geglänzt hatten. "Manchmal reicht ein Moment", sagte Torschütze Corraface und grinste wieder, "und manchmal brauchst du 14 - wenn du Stoke bist." Horst Fiedler wollte davon nichts hören. "Wir haben gut gespielt, nur eben nicht getroffen. Fußball ist manchmal grausam ehrlich." Auf die Frage eines Reporters, ob er etwas an der Taktik ändern wolle, kam ein knappes: "Vielleicht das Tor breiter machen." So blieb es beim 0:1. Norwich nimmt drei Punkte mit, Stoke bleibt mit viel Aufwand und wenig Ertrag zurück. Die Fans verließen das Stadion zwischen Kopfschütteln und Galgenhumor. Einer rief beim Hinausgehen: "Wenn’s ein Zielschießen wäre, hätten wir gewonnen!" Ein bitterer, aber typischer Abend in der 2. englischen Liga - wo Einsatz, Schweiß und Frust oft dichter beieinanderliegen als Ball und Torlinie. 06.08.643990 10:04 |
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Rainer Calmund