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Ein eisiger Februarabend in Toronto, 32. Spieltag der 1. Liga Kanada. 25.000 Zuschauer im North York Stadium - und sie bekamen ein Spiel serviert, das man getrost als Fußball-Drama mit ironischem Unterton bezeichnen darf. Am Ende triumphierten die North York Stars mit 3:2 über die Windsor Astros - obwohl die Gäste so oft aufs Tor schossen, dass man meinen konnte, sie wollten den Ball durch pure Wiederholung hypnotisieren. Kaum hatte der Schiedsrichter angepfiffen, da zappelte der Ball schon im Netz - allerdings im Tor der Stars. Ingo Domingos, der bullige Mittelstürmer der Astros, nutzte in der 2. Minute eine Flanke von Slaven Modric, um die Gastgeber kalt zu erwischen. "Ich dachte, wir wären noch beim Aufwärmen", fluchte Stars-Trainer Axel Foley später mit einem Grinsen. Doch wer geglaubt hatte, die Stars würden sich in Schockstarre ergeben, irrte gewaltig. In der 8. Minute schlug Nachwuchsjuwel Ryan Bouchard zurück - 17 Jahre jung, aber eiskalt wie ein Veteran. Nach traumhaftem Zuspiel von Regisseur Raul Meira traf er aus halbrechter Position zum Ausgleich. Das Stadion tobte, und Foley schrie über den Platz: "Ryan, genau so - aber beim nächsten Mal bitte erst, wenn ich sitze!" Die Stars bekamen nun Oberwasser. Meira, der das Mittelfeld an diesem Abend wie ein Dirigent beherrschte, belohnte sich in der 21. Minute selbst: Nach Vorarbeit von Rechtsverteidiger Freddie Morin schlenzte er den Ball unhaltbar ins rechte Eck - 2:1. Und kaum hatte man sich wieder hingesetzt, legte Bouchard noch einen drauf. In der 22. Minute vollendete er erneut nach Pass von Meira zum 3:1. Drei Tore in 14 Minuten - die Fans standen Kopf, die Astros schauten konsterniert. "Wir haben Fußball gespielt wie im Lehrbuch - nur war’s offenbar das falsche Buch", knurrte Astros-Coach Nicole Kei später sarkastisch. Ihre Mannschaft hatte zur Pause zwar mehr Ballkontakte im Strafraum, aber weniger Konsequenz. 22 Torschüsse standen am Ende zu Buche - nur zwei davon fanden ihr Ziel. Nach dem Seitenwechsel änderte sich wenig am Bild: Windsor rannte, kombinierte, flankte - und scheiterte. In der 50. Minute platzte immerhin der Knoten ein zweites Mal: Sergio Djalo verwertete einen Doppelpass mit Billy Lithgow zum 3:2-Anschluss. "Da dachte ich: Jetzt kippt das Ding", erzählte Kei. Doch der Nordwind blieb den Stars hold. Torwart Alfie Lachance, 22 Jahre jung, wuchs in der Schlussphase über sich hinaus. Egal ob Domingos, Ribery (der 17-jährige Namensvetter, nicht der Franzose) oder Topal - alle bissen sich an ihm die Zähne aus. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen, wie viele Bälle ich abgewehrt hab", meinte Lachance mit einem Augenzwinkern. "Aber ich weiß, dass meine Handschuhe jetzt einen eigenen Namen verdienen." In der 88. Minute wurde Domingos nach einem Zweikampf verletzt vom Platz getragen - ein sinnbildlicher Moment für das Spiel: Windsor ackerte, North York überlebte. Die letzten Minuten glichen einer Belagerung, doch die Stars retteten den Vorsprung über die Zeit. Statistisch betrachtet wirkte das Ganze fast absurd: 52,9 Prozent Ballbesitz für North York, aber nur sechs Torschüsse - drei davon Tore. Windsor dagegen 47,1 Prozent Ballbesitz, doch satte 22 Abschlüsse. Die Stars verteidigten, als hinge ihr Leben davon ab, und konterten mit chirurgischer Präzision. "Manchmal ist Fußball wie Poker", philosophierte Foley nach Abpfiff. "Du spielst nicht jede Karte, aber wenn du spielst, dann All-In." Kei konterte trocken: "Dann hoffe ich, er setzt bald in Vegas - da verliert er vielleicht mal." Das Publikum verabschiedete die Teams mit stehenden Ovationen. Die jungen Wilden der Stars, allen voran Bouchard und Meira, wurden gefeiert wie Popstars. Das Duo hatte nicht nur zwei Tore und zwei Vorlagen zu verantworten, sondern das Spiel mit jugendlicher Frechheit auf den Kopf gestellt. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Windsor schoss, North York traf. Und während die Astros noch darüber nachdenken, wie man aus viel Spielanteil Punkte macht, träumen die Stars vom internationalen Geschäft - oder wenigstens von einem neuen Tornetz. "Wir haben heute gezeigt, dass Effizienz sexy sein kann", lachte Foley zum Abschied. Und tatsächlich: Es gibt Spiele, da reicht ein kleiner Funken Cleverness, um ein ganzes Feuerwerk zu entfachen. So endete ein kanadischer Winterabend mit einem warmen Gefühl - zumindest für die Fans der North York Stars. 02.04.643990 04:00 |
Sprücheklopfer
Fußball spielt sich zwischen den Ohren ab. Da war teilweise Brachland, das neu bepflanzt werden musste.
Rainer Bonhof