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Es gibt Spiele, da fragt man sich schon nach einer halben Stunde, ob man nicht besser das Flutlicht dimmt und den Gästen einen warmen Tee anbietet. Das Freitagabendspiel des 20. Spieltags der Oberliga H zwischen dem SV Nord Wedding und RW Erfurt war genau so eine Veranstaltung: ein 5:0, das in seiner Deutlichkeit fast unhöflich wirkte - aber eben nur fast, denn die Gastgeber spielten einfach zu schön. 3989 Zuschauer im Wedding sahen ein Heimteam, das von der ersten Minute an Lust hatte. Schon nach wenigen Minuten donnerte Damian Ogaza den Ball das erste Mal aufs Tor, noch vorbei - aber ein Vorgeschmack auf das, was kommen sollte. In der 14. Minute machte er es besser: Nach feiner Vorarbeit von Timo Hartmann traf Ogaza trocken ins Eck. "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn du so triffst, fragst du nicht nach dem Warum", grinste der 30-Jährige später. Nur zwei Minuten danach staunte man über Rechtsverteidiger Sven Röder, der offenbar beschlossen hatte, dass auch Außenverteidiger mal Spaß haben dürfen - 2:0. "Ich dachte, ich mach das einfach mal wie früher auf dem Bolzplatz", lachte er. Und als Jens Urban in der 18. Minute nach Vorarbeit von Marvin Herzog das 3:0 markierte, war Erfurts Trainer Mario Pingel schon deutlich bleicher als zu Beginn. Die Nordberliner ließen aber nicht locker. Der 18-jährige Werner Frey, der aussieht, als würde er sonst noch für die Abi-Klausuren pauken, schob in der 28. Minute zum 4:0 ein - wieder nach einem Pass von Herzog. "Ich hab einfach instinktiv die Lücke gesehen", sagte Frey - und man nahm ihm ab, dass er das ganz genau so gemeint hatte. 4:0 zur Pause, Ballbesitz fast 60 Prozent, zehn Torschüsse insgesamt, und das Spiel eigentlich schon entschieden. Erfurt hatte bis dahin vier Abschlüsse - keiner wirklich gefährlich, und Torhüter Sascha Ahrens bekam vermutlich kalte Füße vor Langeweile. In der zweiten Halbzeit schaltete Nord Wedding einen Gang zurück, ohne das Spiel aus der Hand zu geben. RW Erfurt blieb bei seiner offensiven, aber ideenlosen Ausrichtung, versuchte es mit langen Bällen, die aber mehr wie SOS-Signale wirkten als wie gezielte Zuspiele. "Wir wollten offensiv bleiben, aber irgendwie war der Ball immer schneller weg, als wir gucken konnten", seufzte Pingel später. In der 55. Minute setzte dann Marvin Herzog selbst den Schlusspunkt. Erst zwei Assists, dann noch das Tor - ein Abend aus dem Lehrbuch. "Ich hab mich schon fast geärgert, dass ich so lange gewartet habe", meinte er mit einem Augenzwinkern. Danach wurde es ruppiger: Jason Westphal sah kurz vor der Pause Gelb, Karl Heuer folgte in der 68. Minute, und auch Sven Röder kassierte in der Nachspielzeit noch eine Verwarnung. Auf der anderen Seite hielten Gebhardt und Adler für Erfurt dagegen - allerdings mehr mit den Beinen als mit spielerischen Mitteln. Die Zuschauer quittierten das Geschehen mit einer Mischung aus Staunen und Freude. "So was siehst du hier nicht alle Tage", rief ein älterer Herr auf der Tribüne, während neben ihm jemand trocken ergänzte: "Nicht mal alle Jahrzehnte." Statistisch war alles klar: 58 Prozent Ballbesitz für Nord Wedding, 54 Prozent gewonnene Zweikämpfe, zehn Torschüsse - und fünf Treffer. Erfurt kam auf vier Abschlüsse, von denen keiner das Prädikat "gefährlich" verdiente. Das Pressing der Gäste? Laut Daten: null. Laut Augenzeugen: ebenfalls null. Nach Abpfiff umarmte Trainer und Publikumsliebling - sein Name blieb ungenannt, aber seine Freude war lautstark - jeden Spieler wie einen verlorenen Sohn. "Wir wollten zeigen, dass wir mehr können als Kampf. Heute war’s Fußball", sagte er schlicht. Erfurts Mario Pingel sah das mit Galgenhumor: "Wenn du 0:5 verlierst, ist das immerhin eindeutig. Da gibt’s nichts zu diskutieren." So endete ein Abend, der im Wedding noch lange nachhallen wird. Ein Spiel, das zeigte, wie schön Fußball sein kann, wenn alles zusammenpasst - Tempo, Spielfreude, Effizienz. Und vielleicht ein bisschen Berliner Frechheit. Zum Schluss blieb nur die Frage, ob Nord Wedding nach diesem Feuerwerk überhaupt noch schlafen konnte. Oder wie ein Fan lachend meinte, als er das Stadion verließ: "Wenn das so weitergeht, müssen wir bald Eintritt verlangen - auch fürs Training." 16.01.643991 16:58 |
Sprücheklopfer
Grundsätzlich muss man sich überlegen, ob man dann weitermacht. Aber ich lasse mir da Zeit, ich denke da kurzfristig.
Rudi Völler nach dem 1:5 gegen England