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Wenn 27.000 Zuschauer im Kingston-Stadion plötzlich gleichzeitig Luft holen, dann weiß man: Es passiert wieder etwas, das man später seinen Enkeln erzählt - oder zumindest an der nächsten Straßenecke. Am Freitagabend lieferten sich die Kingston Blues und New Green FC ein Spektakel, das irgendwo zwischen Verzweiflung, Aufbruchsstimmung und Improvisationstheater pendelte. Am Ende jubelten die Gäste aus New Green - 3:2 hieß es nach 90 turbulenten Minuten. Dabei begann alles noch verhältnismäßig ruhig. Kingston kontrollierte den Ball - genau genommen zu 50,6 Prozent der Zeit - und tat das, was man mit Kontrolle gern verwechselt: Sicherheit. Die Blues ließen den Ball laufen, als wollten sie ihn hypnotisieren. Doch New Green FC, von Trainerin Martina Wen mit der klaren Ansage "Heute wird geschossen, nicht gezögert!" in die Partie geschickt, zeigte früh, dass sie nicht zum Sightseeing gekommen waren. 14 Torschüsse standen am Ende auf ihrem Konto - doppelt so viele wie die Blues. Das erste Ausrufezeichen setzte in der 43. Minute André Hiliard. Der 22-jährige Mittelfeldspieler nahm einen cleveren Pass von Brandon Chamberlain auf, drehte sich um die eigene Achse und drosch den Ball flach ins rechte Eck. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich gesagt", grinste Hiliard nach dem Spiel, "Brandon meinte danach, er wollte eigentlich selbst schießen. Tja, Pech." 0:1 - und die Blues wirkten konsterniert. Wer in der Pause dachte, Kingston würde nun mit frischem Elan aus der Kabine kommen, wurde eines Besseren belehrt. Denn kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, da klingelte es erneut: Max Noll, der rechte Flügelstürmer mit der Körpersprache eines Marathonläufers, traf in der 46. Minute - eiskalt. Und als ob das nicht genug wäre, legte der 17-jährige Joel Robinson nur vier Minuten später nach. 0:3 stand es, und die Fans der Blues rieben sich die Augen. "Da dachte ich kurz, wir verlieren zweistellig", gab Blues-Verteidiger Georges Castel später zu. Castel machte seinem Frust wenig später Luft - leider in Form eines rustikalen Einsteigens, das ihm in Minute 64 die Gelbe Karte einbrachte. "Er hat einfach zu viel Temperament", seufzte ein Mitspieler. Doch Kingston wäre nicht Kingston, wenn sie nicht wenigstens den Versuch einer Auferstehung starten würden. In der 59. Minute war es Joseph Stanton, der nach schöner Vorarbeit von Liam Besserer den Ball aus zwölf Metern unter die Latte zimmerte. Plötzlich war wieder Leben drin. Die Zuschauer, eben noch still, sangen wieder. Trainer der Blues - dessen Name in den Unterlagen erstaunlicherweise fehlte, was vermutlich symptomatisch für die erste Stunde seines Teams war - gestikulierte wild an der Seitenlinie. Als dann in der 78. Minute Alain Lamarliere nach feinem Pass von Guillaume Jones das 2:3 erzielte, drohte das Stadion endgültig zu explodieren. "Da hatte ich Gänsehaut", sagte Lamarliere später und grinste, "und gleichzeitig Angst, dass wir’s wirklich noch drehen." Doch New Green FC blieb cool. Die jungen Wilden - der älteste Torschütze war gerade einmal 24 - spielten die letzten Minuten mit einer Ruhe herunter, als wären sie in ihrer eigenen Einfahrt. Kingston mühte sich, kam noch zu Chancen durch Maurice und Jones (75. und 87. Minute), doch Torhüter Stephane Bouchard stand seinen Mann. "Wir haben das Herz gezeigt, das wir schon in der Kabine versprochen hatten", fasste Coach Wen zusammen. "Und außerdem: Unsere Jungs haben heute einfach Spaß am Chaos gehabt." Statistisch gesehen war das Spiel fast ausgeglichen - Ballbesitz pari, aber Tacklingquote, Schüsse und letztlich Tore sprachen klar für New Green. Kingston dagegen wirkte wie ein Boxer, der zu spät begriff, dass er im Ring steht. Als die Blues-Fans nach dem Schlusspfiff mit einem Schulterzucken das Stadion verließen, sagte ein älterer Herr auf der Tribüne trocken: "Wenigstens war’s nicht langweilig." Und das stimmt. Dieses 2:3 war kein Spiel für Feingeister, sondern für alle, die Fußball lieber mit Herzklopfen als mit Rechenschieber schauen. Man darf gespannt sein, ob Kingston aus dieser Lehrstunde lernt - oder ob sie das nächste Mal wieder versuchen, den Ball zu hypnotisieren. New Green FC dagegen geht mit breiter Brust in den nächsten Spieltag. Und wer weiß: Vielleicht ist dieser wilde, jugendliche Sturm genau das, was die Liga gebraucht hat. 27.12.643993 17:42 |
Sprücheklopfer
Wie immer, wenn man Koffer packt, ist das alles nicht so spaßig, Hemden zusammen legen oder Hosen. Vor allem, wenn die eigene Frau nicht dabei ist.
Rudi Völler