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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, warum man Fußball liebt - und die Antwort kommt dann in der 93. Minute. Nevsehir gewinnt im heimischen Stadion mit 2:1 gegen Sirnak und zieht in die nächste Pokalrunde ein. Doch bis dahin war es ein nervenaufreibender Ritt für die 43.500 Zuschauer, die von Hoffnung, Verzweiflung und schließlich Ekstase alles durchlebten, was dieser Sport zu bieten hat. Die Gäste aus Sirnak starteten selbstbewusst, fast schon übermütig. Trainer Mehmet Kaan hatte seine Nevsehir-Elf offensiv eingestellt, doch zunächst waren es die Gäste, die auf dem Rasen den Ton angaben. In der 21. Minute, mitten in eine Phase, in der Nevsehir noch nach seiner Linie suchte, schlug der 18-jährige Hulusi Boral eiskalt zu. Nach feinem Zuspiel von Leandro Deco zog der Youngster von links in den Strafraum, schaute Torhüter Sergio Rueda kurz an - und schlenzte den Ball präzise ins lange Eck. 0:1, und im weiten Rund war es plötzlich mucksmäuschenstill. "Ich dachte, der Junge sei nervös. Aber dann haut er das Ding so rein - Respekt", meinte Sirnaks Kapitän Francisco Pinto später mit einem breiten Grinsen. Nevsehir wirkte getroffen, fast ratlos. Zwar verzeichneten die Hausherren mehr Torschüsse (am Ende 11 zu 7), doch zur Pause stand es 0:1, und die Körpersprache sprach Bände. "Ich habe in der Kabine gesagt: Wenn ihr so weiterspielt, sind wir draußen - und zwar verdient", verriet Trainer Kaan nach der Partie. Seine Worte zeigten Wirkung. Nach dem Seitenwechsel kam Nevsehir mit einer Mischung aus Wut und Willen zurück. Der junge Yaman Erdem, der schon in der ersten Hälfte mehrfach am glänzend reagierenden Torwart Tamas Gyarmati gescheitert war, bekam in der 61. Minute seine Revanche. Nach einem klugen Pass von Routinier Leandro Tonel traf der 21-Jährige endlich - und das Stadion explodierte. 1:1, endlich. "Ich hatte einfach keine Lust mehr, mich zu ärgern", grinste Erdem später, "also hab ich den Ball einfach reingeschossen." Sirnak versuchte, mit Ballbesitz (am Ende 53 Prozent) die Kontrolle zurückzugewinnen, doch die Partie war jetzt ein offener Schlagabtausch. Gelbe Karten, hitzige Wortgefechte - und ein Trainer Kaan, der an der Seitenlinie wild gestikulierend seine Spieler nach vorn peitschte. In der 74. Minute sah Sirnaks Rechtsverteidiger Alper Sancakli Gelb, nachdem er Erdem kurz vor dem Strafraum umgepflügt hatte. "Ich wollte nur den Ball treffen", verteidigte sich Sancakli später mit einem Gesichtsausdruck, der selbst dem Schiedsrichter ein müdes Lächeln entlockte. Die Schlussphase gehörte dann ganz Nevsehir. Erst klatschte ein Schuss des jungen Varela (78.) an die Latte, dann verpasste Frechaut (89.) knapp. Als die Nachspielzeit anbrach, schien alles auf eine Verlängerung hinauszulaufen - doch Leandro Tonel hatte andere Pläne. In der 93. Minute, nach einer unübersichtlichen Szene im Strafraum, reagierte der 33-Jährige am schnellsten. Der Ball prallte ihm vor die Füße, und mit der Routine eines Mannes, der schon alles gesehen hat, schob er ihn über die Linie. 2:1. Das Stadion bebte. "Ich dachte, der Schiri pfeift gleich ab - also hab ich’s lieber erledigt", lachte Tonel nach dem Spiel, während Trainer Kaan ihn liebevoll "unseren alten Fuchs" nannte. Sirnak war am Boden, die Spieler ließen sich enttäuscht auf den Rasen fallen. Ihr Mut, ihre gute erste Hälfte - alles vergebens. "So ist Fußball", murmelte Pinto, "manchmal spielst du 90 Minuten ordentlich und verlierst wegen drei Sekunden Unachtsamkeit." Statistisch war es ein enges Duell: Nevsehir hatte etwas weniger Ballbesitz, dafür mehr Zug zum Tor, bessere Zweikampfwerte (52,7 Prozent) und am Ende die entscheidenden Nerven. Für Trainer Kaan war es der "Sieg des Glaubens". Für die Fans schlicht ein Abend, den sie so schnell nicht vergessen werden. Und als die Flutlichtstrahler langsam erloschen und noch immer Gesänge durch das Stadion hallten, wirkte es fast, als hätte der Fußball selbst ein Auge zugedrückt und gesagt: "Na gut, Nevsehir - heute dürft ihr weiterträumen." Ein Pokalabend, wie er im Lehrbuch steht - inklusive Happy End in der Nachspielzeit. 26.05.643987 06:17 |
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