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Ein lauer Abend in Nazareth, 49.032 Zuschauer, und die Luft war voller Erwartung - und später voller Unglauben. Was Nazareth Illit in den ersten 45 Minuten auf den Rasen zauberte, erinnerte an eine perfekt einstudierte Oper. Doch was danach folgte, war Rock’n’Roll pur, wild, laut und mit einem Ende, das wohl keiner der Heimfans hatte kommen sehen: 3:3 nach 90 turbulenten Minuten gegen den Tirat Carmel FC. Die Gastgeber begannen dominant, der Ballbesitz lag bei fast 56 Prozent, und die Offensive rollte wie ein Presslufthammer. Schon in der 14. Minute klingelte es im Kasten: Karol Penksa, der Mittelfeldmotor mit der Schusstechnik eines Uhrmachers, versenkte die Kugel nach Zuspiel von Michael Densham. "Ich hab’ einfach draufgehalten", grinste Penksa später. "Und diesmal war die Latte gnädig." Nazareth Illit ließ nicht locker. 33. Minute, wieder Penksa, wieder Densham mit der Vorlage. Ein Doppelpack, wie ihn sich jeder Statistiker wünscht. Tirat Carmel wirkte in dieser Phase wie ein Boxer, der schon nach der ersten Runde taumelt. Trainerin Babsi Klemm stand mit verschränkten Armen an der Linie, schüttelte den Kopf und murmelte in Richtung ihrer Abwehr: "Mädels, das war als Metapher gemeint - nicht wirklich Flügel verleihen!" Zur Pause schien alles entschieden. 2:0, 23:6 Torschüsse - eine Demonstration. Doch Fußball wäre nicht die Lieblingsseifenoper der Welt, wenn nicht irgendwer das Drehbuch umschriebe. Nach dem Seitenwechsel kam Tirat Carmel wie verwandelt zurück. Ansgar Henriksson, eben noch unauffällig, schnappte sich in der 57. Minute den Ball, bekam ihn von Rasmus Clausen mustergültig serviert und drosch ihn unhaltbar ins rechte Eck. 2:1 - der Anfang vom Ende der Sicherheit. Nazareth Illit reagierte zunächst richtig: György Weiskopf stellte in der 62. Minute den alten Abstand wieder her, nach feinem Pass von Zoltan Tölcseres. 3:1, die Fans jubelten, der Stadionsprecher hatte kaum Zeit, den Namen fertig auszusprechen, da ging das Drama in die nächste Runde. Nur sechs Minuten später war es Tikhon Makarow, der Tirat Carmel wieder heranbrachte. Espen Brinkerhoff hatte die linke Seite mit einem Solo wie aus dem Lehrbuch aufgerissen, Makarow musste nur noch einschieben. Und dann kam die 78. Minute, die in Nazareth wohl noch lange besprochen wird. Ausgerechnet Linksverteidiger Adriano Figo, der sonst eher für rustikale Zweikämpfe bekannt ist, zog aus 25 Metern ab - und traf. 3:3! "Ich wollte eigentlich flanken", gab Figo später zu, "aber manchmal hat der Ball eben seinen eigenen Willen." Die letzten Minuten waren ein einziges Nervenballett. Gelbe Karten flogen wie Konfetti: erst Figo (86.), dann Mijatovic (87.) und Onnington (89.). Die Spieler keiften, der Schiedsrichter wirkte wie ein Lehrer am letzten Schultag. Nazareth Illit versuchte noch einmal alles - Penksa, Weiskopf, Haswell, sie alle feuerten weiter. Aber Tirat Carmels Keeper Georg Danielsen wuchs über sich hinaus, fischte in der Schlussphase zwei Schüsse aus dem Winkel und brüllte danach in Richtung Tribüne: "Heute geht keiner ohne Punkt nach Hause!" Nach dem Schlusspfiff stand Babsi Klemm grinsend da, eine Trainerin, die weiß, wann sie Geschichte geschrieben hat. "In der Pause hab ich gesagt: Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit Drama. Und siehe da - meine Jungs sind Oscar-reif." Auf der anderen Seite herrschte Schweigen. Penksa saß noch lange auf dem Rasen, die Hände im Gesicht. "Drei Tore müssen reichen", murmelte er, "aber offenbar nicht heute." Statistisch bleibt Nazareth Illit der bessere Part: 23 Torschüsse zu 6, mehr Ballbesitz, mehr Struktur. Aber Tirat Carmel hatte das, was keine Statistik erfasst - den Trotz, sich nicht abschreiben zu lassen. Vielleicht war es also kein verlorener Sieg, sondern eine Erinnerung daran, dass Fußball manchmal einfach das tut, was er will. Und das Publikum? Es bekam alles: Glanz, Drama, Gelbe Karten - und ein 3:3, das sich anfühlt wie ein Sieg für die einen und eine kleine Tragödie für die anderen. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen sagte: "Ich wollte heute eigentlich früh ins Bett. Jetzt brauch ich erstmal ’nen Schnaps." 01.01.643988 07:25 |
Sprücheklopfer
Ich habe versucht, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sie Fehler machen dürfen. Das haben sie bis auf wenige Ausnahmen gut gemacht.
Rudi Völler