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Was für ein Abend in Nazareth! 38.082 Zuschauer erlebten ein Fußballspiel, das sich anfühlte wie ein Lehrfilm über menschliche Emotionen: Hoffnung, Verzweiflung, Wut, Erlösung - und das alles in 90 Minuten. Am Ende stand ein 3:3 zwischen Nazareth Illit und Tirat Carmel FC, das keiner so richtig fassen konnte - am wenigsten wohl die Trainer. "Ich habe in der Halbzeit überlegt, ob ich noch Trainer bin oder schon Philosoph", grinste Nazareths Coach Heiko Früh nach dem Spiel. Verständlich: Seine Mannschaft lag zur Pause 0:2 hinten, spielte eigentlich gar nicht schlecht, aber Tirat Carmel traf einfach alles, was rund war. Schon nach drei Minuten klingelte es: Sigurd Carlsen, der blondgelockte Wirbelwind aus Norwegen, hatte offenbar beschlossen, dass es Zeit ist, den Gastgebern die Laune zu verderben. Nach feinem Zuspiel von Ansgar Henriksson zog er trocken ab - 0:1. "Ich hab einfach draufgehauen. Wenn du zu lange denkst, ist der Moment weg", meinte Carlsen später, während er sich ein isotonisches Getränk gönnte. Nazareth Illit schüttelte sich, kam besser ins Spiel, hatte mehr Ballbesitz (am Ende rund 50,6 Prozent) und schoss auch öfter aufs Tor (15 Mal zu 10), doch der Ball wollte einfach nicht rein. Und dann kam die 40. Minute: Ivica Jovanovic, Tirats Dauerläufer auf der rechten Seite, zog nach einem feinen Zuspiel von Frans Dahl nach innen und vollendete präzise ins lange Eck - 0:2. Trainerin Babsi Klemm von Tirat Carmel FC strahlte zu diesem Zeitpunkt, als hätte sie gerade den Lotto-Jackpot geknackt. "Ich habe gesagt: Spielt weiter über außen, die kriegen das nicht dicht", erzählte sie später. Eine Minute vor der Pause bekam ihr Innenverteidiger Eugenio Conte dann Gelb - vermutlich, um ein taktisches Zeichen zu setzen, dass man sich die Sache nicht zu leicht machen wollte. Die zweite Halbzeit begann, wie sie musste: mit einem Paukenschlag. In der 50. Minute nahm Nazareths Stürmer Adam Kendall einen Pass von Paulo Gome direkt und traf aus spitzem Winkel - 1:2. Das Stadion explodierte. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Kendall später lachend zu. "Aber dann dachte ich, was soll’s - vielleicht ist das Tor heute in Stimmung." Doch noch bevor die Euphorie richtig greifen konnte, schlug Tirat Carmel zurück. Wieder Jovanovic, diesmal nach Vorarbeit von Carlsen, in der 55. Minute. 1:3. Das wirkte wie der endgültige Knockout. Doch Nazareth Illit hatte offensichtlich beschlossen, das Drehbuch umzuschreiben. Sechs Minuten später - 61. Minute - verkürzte Nevio Bosingwa nach Pass von Callum Lancaster auf 2:3. Jetzt war Feuer drin. Die Fans sprangen auf, der Stadionsprecher überschlug sich beinahe. Und als in der 71. Minute Paulo Gome nach Vorlage von György Weiskopf den Ball humorlos ins Netz drosch - 3:3! - kochte die Arena. "Da war’s plötzlich laut wie auf dem Basar", erinnerte sich Gome. "Ich hörte gar nichts mehr außer Jubel. Ich dachte, das Dach fliegt weg." Nazareth drängte nun sogar auf den Sieg, Gome und Kendall hatten weitere gute Schüsse, doch Tirats Keeper Georg Danielsen hielt, was zu halten war. Die Defensive der Gäste wackelte, und Innenverteidiger Conte brüllte seine Mitspieler zusammen, als ginge es um Leben und Tod. Dann, kurz vor Schluss, wurde es nochmal hitzig: Nazareths Abwehrchef Kai Onnington sah erst Gelb (59.) und später in der 90. Minute Gelb-Rot. "Ich habe nur gesagt, dass der Schiri gut aussieht", verteidigte er sich mit einem Grinsen. Seine Kollegen mussten die letzten Sekunden zu zehnt überstehen. Beide Trainer standen nach Abpfiff an der Seitenlinie wie nach einem Marathon. "Das war kein Fußballspiel, das war eine Achterbahnfahrt", meinte Babsi Klemm, die trotz des verschenkten Sieges lächelte. Heiko Früh fasste es mit typisch trockenem Humor zusammen: "Ich bin stolz auf meine Jungs. Und auf meinen Blutdruck, dass er das durchgehalten hat." Statistisch betrachtet war es ein beinahe ausgeglichenes Spiel - minimal mehr Ballbesitz für Nazareth, etwas höhere Zweikampfquote (52,5 Prozent) und 15 Torschüsse gegenüber 10. Aber Zahlen erzählen nicht, wie laut ein Stadion wird, wenn ein 0:3 in ein 3:3 verwandelt wird. Am Ende gingen beide Teams mit gemischten Gefühlen vom Platz: Tirat Carmel mit dem Gedanken, zwei Punkte verloren zu haben, Nazareth Illit mit dem Gefühl, einen Sieg der Moral errungen zu haben. Und die Zuschauer? Die gingen nach Hause, heiser und glücklich - weil sie an diesem Abend erlebt hatten, warum man Fußball liebt. Oder, wie es ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions flüsterte: "Wenn’s immer so wär’, würd ich nie wieder Fernsehen schauen." 11.09.643990 04:00 |
Sprücheklopfer
Spieler haben Scheiße gespielt! Tut mir leid, kann ich nichts für, würde ich auch gerne anders sagen, aber Spieler haben Scheiße gespielt! Absolute Scheiße!
Aleksandar Ristic