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Namur - Wenn man am ersten Spieltag der neuen Saison ein Stadion mit 3500 Zuschauern zum Klingen bringt, dann hat man vieles richtig gemacht. Namur United tat genau das: Mit einem klaren 3:0 gegen RACS Couillet eröffnete die Truppe von Trainer José Delgardo die Spielzeit in der 3. Liga Belgien (1. Division) - und das mit einer Mischung aus Spielfreude, Effizienz und einem Hauch Theatralik. Das Spiel begann, als hätte jemand den Anpfiff auf "Schnellvorlauf" gestellt. Bereits nach fünf Minuten schoss Ricardo Obregon, der flinke Rechtsaußen, das Leder ins Netz, als wäre er schon mitten in der Saisonform. Samuel Carter hatte den Ball zuvor mustergültig durchgesteckt - "Ich hab’s einfach gespürt, dass Ricardo da durchgeht", grinste der 32-jährige Mittelfeldmann später. Delgardo dagegen blieb gewohnt trocken: "Wir wollten früh zeigen, dass wir wach sind. Ich wusste nur nicht, dass sie so wach sind." Couillet, das sich vor allem über langen Ballbesitz definierte (50,7 Prozent, um genau zu sein), wirkte in dieser Phase eher wie ein Team, das zu spät aus der Kabine kam. Die ersten ernsthaften Abschlüsse der Gäste durch Wouter Dewaele (26. und 32. Minute) waren mehr freundliche Grüße an Namurs Keeper Alexandre Nelis als echte Gefahr. In der 34. Minute dann der Moment, in dem das Stadion bebte: Rechtsverteidiger Maxime Staes fasste sich ein Herz, stürmte nach vorn und verwandelte nach Vorlage von Kobe Bolsius zum 2:0. Ein Verteidiger, der trifft - das ist in Namur offenbar ein Ereignis mit Seltenheitswert. "Ich wollte eigentlich flanken", gab Staes nach dem Spiel lachend zu. "Aber der Ball hat beschlossen, dass er lieber ins Tor will." Zur Halbzeit stand es 2:0, aber Delgardo war nicht restlos zufrieden. Beim Gang in die Kabine soll er seinem Team zugerufen haben: "Das ist kein Freundschaftsspiel, Jungs!" - ein Satz, den man ab der 46. Minute durchaus wiedererkannte. Kurz nach Wiederbeginn, in Minute 51, sorgte Linksaußen Kobe Dewaele für die endgültige Entscheidung. Nach einem präzisen Pass von Innenverteidiger Ward Wauman - ja, auch der Abwehrchef durfte sich kreativ austoben - schob Dewaele den Ball souverän ein. 3:0, Deckel drauf, Feierlaune in Namur. Ab da war es ein Spiel, das man mit einem Augenzwinkern als "kontrollierte Langeweile" bezeichnen könnte. Namur verwaltete, Couillet versuchte, versuchte - und ließ es meist bei Versuchen. 11:7 endeten die Torschüsse für die Hausherren, was ziemlich genau das Kräfteverhältnis widerspiegelte. Der Ballbesitz war zwar leicht auf Seiten der Gäste, doch das war ungefähr so relevant wie ein Schirm im Sonnenschein. Ein kurzer Schreckmoment ereilte Namur kurz vor der Pause, als Linksverteidiger Arthur Elseneer verletzt vom Platz musste. Der junge Hugo Dierickx kam und machte seine Sache ordentlich. "Ich hatte keine Zeit nervös zu werden", sagte der 20-Jährige. "Ich wusste gar nicht, wo mein Name auf dem Spielbericht stand." In der 75. Minute gönnte Delgardo dann auch seinen Torschützen Obregon und Dewaele eine Pause. Jonas Kühne und Harald Eriksson durften ran. Kühne, 19 Jahre jung und offenbar furchtlos, sorgte in der 83. Minute mit einem satten Schuss noch einmal für Aufsehen - knapp vorbei, aber ein Statement. Nach dem Schlusspfiff war die Stimmung ausgelassen. Kapitän Carter fasste das Spiel zusammen: "Wir haben heute gezeigt, dass wir mehr sind als eine Lauftruppe. Wir können auch Fußball spielen - meistens jedenfalls." Delgardo, der an der Seitenlinie selten Emotionen zeigt, erlaubte sich ein Lächeln: "Ein 3:0 zum Auftakt - das unterschreibe ich blind. Aber ich hoffe, sie glauben jetzt nicht, dass die Saison schon vorbei ist." Couillet-Trainer - der sich nach Abpfiff diplomatisch gab - meinte: "Wir hatten den Ball, sie hatten die Tore. Im Fußball zählt leider Letzteres." Man kann ihm da schwer widersprechen. Namur United startet also mit einem klaren Sieg und der Erkenntnis, dass Balance auf dem Papier gut klingt, aber Tore auf dem Rasen besser aussehen. Und während die Fans noch singend das Stadion verließen, murmelte ein älterer Herr auf der Tribüne zufrieden: "Wenn das so weitergeht, kauf ich mir eine Dauerkarte." Ein Satz, der José Delgardo sicher gefallen dürfte - denn schöner kann man einen Saisonauftakt kaum beschreiben. 11.11.643993 12:59 |
Sprücheklopfer
Fußball spielt sich zwischen den Ohren ab. Da war teilweise Brachland, das neu bepflanzt werden musste.
Rainer Bonhof