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Ein kühler Märzwind fegte am Mittwochabend durch das Stade Communal de Namur, doch den 3.500 Zuschauern war schnell warm ums Herz. Namur United gewann am dritten Spieltag der 3. Liga Belgien (1. Div) mit 2:1 gegen den SC Roeselare - und das nach einem Rückstand, der zunächst wie ein Déjà-vu aus alten Zeiten wirkte: bemüht, dominant, aber torlos in Halbzeit eins. Trainer José Delgardo hatte seine Mannschaft wieder einmal offensiv eingestellt - "Wir wollten den Gegner von Beginn an unter Druck setzen", erklärte er mit einem Schmunzeln, das irgendwo zwischen Zuversicht und Selbstironie lag. Doch was nützt Offensive, wenn der Ball nicht reingeht? Schon in der dritten Minute prüfte Maarten Van Herck den Gäste-Keeper, kurz darauf folgten weitere Versuche von Van Herck, Obregon und Bolsius. Roeselares Abwehr schwamm, hielt aber stand. In der 10. Minute sah Obregon Gelb, weil er den Schiedsrichter offenbar von der Existenz einer unsichtbaren Mauer überzeugen wollte. Zehn Minuten später brüllte Delgardo von der Seitenlinie: "Ruhig bleiben, Jungs, der Ball ist euer Freund!" - woraufhin Innenverteidiger Wauman trocken zurückrief: "Dann soll er sich gefälligst auch mal bewegen!" Roeselare indes lauerte - so, wie man es von einer Mannschaft erwartet, die mit 56 Prozent Ballbesitz zwar den Ball, aber selten den Weg zum Tor findet. Erst in der 26. Minute kam Gunnar Bratseth zu einem Versuch, der den Heimtorhüter Luka Behrendt aus dem Halbschlaf riss. Dann die Pause. 0:0. Die Zuschauer griffen zur Wurst, die Spieler zu den Nerven. "Wir wussten, dass wir dranbleiben müssen", sagte später Harald Eriksson, der Mittelstürmer, der noch zur tragischen Figur hätte werden können - oder zur Heldenstatue, je nachdem, wie man es sieht. Kaum war die zweite Halbzeit angepfiffen, da passierte, was passieren musste: Roeselare nutzte die erste richtige Chance eiskalt. In der 48. Minute spielte Harrison Hoskins einen feinen Ball auf Luca Burghgraeve, der trocken ins rechte Eck einschob - 0:1. Ein Raunen ging durchs Stadion, begleitet von dem kollektiven Gedanken: "Nicht schon wieder." Doch die Antwort kam postwendend. Nur drei Minuten später, in der 51. Minute, flankte Maxime Staes mit chirurgischer Präzision von rechts, und Maarten Van Herck köpfte den Ball mit solcher Entschlossenheit ins Netz, dass selbst der Rasen kurz applaudierte. 1:1. Van Herck jubelte, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. "Ich hab’ einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass er reingeht", grinste er später. Namur blieb dran, spielte sich in einen Rausch aus rohem Willen und kollektivem Trotz. Delgardo brachte den 19-jährigen Jonas Kühne, der mit jugendlicher Unbekümmertheit zwei Mal gefährlich abschloss. Doch der Mann des Abends sollte ein anderer werden. In der 71. Minute, als Roeselares Abwehr bereits schwer atmend um Ordnung rang, kam Alexander Foerster zentral an den Ball. Ein kurzer Blick, ein Pass in die Tiefe, und Harald Eriksson startete. Der Schwede nahm Maß, ließ einen Verteidiger stehen und schob überlegt ein: 2:1. Die Tribüne explodierte, Delgardo riss die Arme hoch, und selbst der Stadionsprecher klang kurz wie ein Radiomann aus den 80ern. Roeselare versuchte danach, das Spiel noch einmal zu drehen, blieb aber harmlos. Nur ein Schuss von Hoskins in der 84. Minute zwang Behrendt noch einmal zum Fliegen. Danach war’s vorbei - im wahrsten Sinne des Wortes: In der 89. Minute brachte Delgardo den 17-jährigen Ersatztorwart Nicolaas Van Vleck, ein symbolischer Akt, der vom Publikum mit einem kollektiven "Ooooh" quittiert wurde. "Wir wollten ihm das Gefühl geben, Teil des Sieges zu sein", sagte der Trainer hinterher und fügte trocken hinzu: "Und Behrendt hatte ohnehin schon genug Adrenalin." Statistisch gesehen war Roeselare sogar leicht überlegen im Ballbesitz (57 Prozent), doch Namur hatte die klareren Chancen (14 Torschüsse zu 6) und den größeren Biss. Drei Gelbe Karten für Namur zeigen, dass Leidenschaft und Disziplin noch nicht immer Hand in Hand gehen - aber an diesem Abend war das egal. "Wir haben Charakter gezeigt", bilanzierte Delgardo, während Van Herck daneben die Fans mit Selfies versorgte. "Wenn wir so weiterarbeiten, kann das eine schöne Saison werden." Und vielleicht hatte er recht. Denn wer nach einem Rückstand so zurückkommt, der hat mehr als drei Punkte gewonnen - nämlich Glauben. Und in Namur glaubt man jetzt wieder. Oder wie ein Zuschauer beim Hinausgehen sagte, mit belegter Stimme und einem letzten Schluck Bier: "So macht Fußball Spaß - solange’s gut ausgeht." 04.12.643993 17:17 |
Sprücheklopfer
Fußball spielt sich zwischen den Ohren ab. Da war teilweise Brachland, das neu bepflanzt werden musste.
Rainer Bonhof