// Startseite
| Noticiero VeneVision |
| +++ Sportzeitung für Venezuela +++ |
|
|
|
Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob Deportivo Zulia wirklich auf dem Platz stand oder nur die Stadionmusik testete. 36.913 Zuschauer im Estadio José Encarnación "Pachencho" Romero sahen ein 0:4-Debakel gegen Monagas SC, das schon nach vier Minuten seinen Lauf nahm - und nie wieder stoppte. Pedro Enriquez, der rechte Wirbelwind der Gäste, eröffnete den Torreigen. Noch bevor die Heimfans ihre Sonnenbrillen richtig aufgesetzt hatten, zappelte der Ball schon im Netz. Eine flache Hereingabe von Innenverteidiger (!) David Fernandes, ein kurzer Haken, ein trockener Abschluss - 0:1. Der Rest war ein 86-minütiges Lehrvideo darüber, wie man Ballbesitz haben kann, ohne etwas damit anzufangen. "Wir wollten das Spiel kontrollieren", erklärte Zulia-Trainer Emil Freier nach dem Abpfiff und blickte auf den Statistikbogen, als suche er dort Trost. "Tatsächlich hatten wir 50,8 Prozent Ballbesitz. Leider war der Ball meistens da, wo Monagas ihn haben wollte - in unserer Hälfte." Monagas-Coach Hans Wurst grinste, als er das hörte. "Offensiv heißt bei uns: Wir greifen an. Klingt banal, ist aber manchmal revolutionär." Seine Elf hatte 23 Torschüsse - Zulia brachte es auf vier. Und wer die ersten 20 Minuten gesehen hat, weiß: Das war schmeichelhaft gezählt. Enriquez, der Spieler des Abends, legte in Minute 40 nach. Irakli Skworzow flankte butterweich von links, Enriquez nahm den Ball volley - 0:2, Latte, Boden, Netz. Ein Tor, das sogar die Heimfans kurz applaudieren ließ, ehe sie sich wieder fragten, warum eigentlich ihre Mannschaft so höflich Abstand hielt. "Wir sind jung", sagte Innenverteidiger Brandon Neil, der in der 27. Minute Gelb sah, weil er wenigstens einmal in die Nähe eines Gegners kam. "Vielleicht zu jung, um zu wissen, dass man auch mal foulen darf." Nach der Pause machte Monagas da weiter, wo sie aufgehört hatten. In der 49. Minute schob der 18-jährige Guillermo Ze Castro zum 0:3 ein, nachdem Fernandes erneut den Pass des Tages spielte. Der Junge grinste später: "Ich hab einfach aufs Tor geschossen, weil Pedro mir gesagt hat: Wenn du’s nicht machst, mach ich’s." Zulia wechselte nicht die Taktik, sondern nur den Gesichtsausdruck. Ihr Einsatz blieb laut Daten "WEAK" - und das war keineswegs ein Tippfehler. Kein Pressing, keine Konter, kein Aufbäumen. Nur ein paar harmlose Schüsschen von Martin Antolinez (16.) und dem blutjungen Nevio Ze Castro (63., 70.), die Gästetorwart Humberto Bertran eher als Abwechslung vom Stehen empfand. "Ich hatte ein bisschen Angst, dass ich einroste", witzelte Bertran nach dem Spiel. "Zum Glück kam da dieser Schuss in der 70. Minute. Ich hab ihn gehalten - das war mein Highlight." Das endgültige 0:4 fiel in der 86. Minute. Natürlich wieder durch Pedro Enriquez, diesmal nach Vorarbeit des linken Verteidigers Pedro Fortun. Zwei Pedros, ein Gedanke: Abschluss. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", lachte Fortun später. "Aber Pedro ruft: ’Lass laufen!’ - also hab ich einfach getan, was er sagte." Nach dem Spiel sah man Hans Wurst in der Pressekonferenz mit hochrotem Kopf, allerdings vor Freude. "Wir haben offensiv gespielt, weil es Spaß macht. Und weil’s funktioniert", sagte er. "Aber ich sag’s ehrlich: Selbst ich hab nicht erwartet, dass wir Zulia so zerlegen." Freier hingegen sprach leise, fast philosophisch: "Vielleicht war das heute eine Lektion. Ballbesitz ist nichts ohne Richtung. Und Mut ist nichts ohne Bewegung." Dann lächelte er kurz und fügte hinzu: "Aber wir sind jung. Vielleicht lernen wir noch schneller als wir verlieren." Die Fans verließen das Stadion mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Galgenhumor. Ein älterer Herr im Zulia-Trikot brachte es auf den Punkt: "Vier Tore Unterschied - das ist doch fast knapp, wenn man’s mit Humor nimmt." Fazit: Monagas SC spielte wie eine Mannschaft, die Fußball liebt. Deportivo Zulia spielte wie eine, die noch herausfinden will, was das eigentlich ist. Und Pedro Enriquez? Er nahm den Spielball mit. "Ich hab drei Tore gemacht", grinste er. "Aber eigentlich hätte ich auch das vierte schießen können - wenn ich mich nicht schonen wollte." Ein Abend zwischen Lehrstunde und Lehrgeld - mit einem klaren Ergebnis: Monagas SC, Fußballschule Südamerika. Deportivo Zulia, Nachsitzen dringend empfohlen. 18.07.643993 19:31 |
Sprücheklopfer
Mit David Odonkor will ich mich dennoch nicht messen. Fußball ist nicht nur rennen, da ist auch der Ball dabei. Und es ist wichtig, dass man den trifft.
Michael Ballack