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Ein kalter Montagabend in Stoke, 39.270 Zuschauer, nasser Rasen, Flutlicht - und ein Spiel, das für die Heimfans so schmerzhaft war wie eine kalte Dusche nach einer Niederlage. Der FC Millwall spazierte mit 4:0 (1:0) durch das Bet365 Stadium, als hätten sie die Gastgeber nur zu einem Trainingsspielchen eingeladen. Stoke City hingegen wirkte, als wäre man versehentlich zu einer Ballettaufführung erschienen, bei der alle anderen Fußball spielen. Von der ersten Minute an war klar, wer hier den Ton angibt. Millwalls Angriffsreihe um Tyler Boyle und Daniel Darabont feuerte schon auf das Tor, bevor die Stadionuhr zweistellig wurde - ganze 28 Torschüsse sollten es am Ende werden. Stoke brachte es auf einen. Einen! Trainer Horst Fiedler rieb sich nach dem Spiel die Augen: "Ich dachte ehrlich, wir hätten mehr Chancen gehabt. Dann sah ich die Statistik. Da musste ich lachen - oder weinen." Bereits nach 15 Minuten fiel das erste Tor - natürlich für Millwall. Robert Bancroft, der 32-jährige Mittelfeldstratege, zog aus 18 Metern ab, nachdem Bradley Davonport ihm den Ball butterweich servierte. Der Schuss schlug ein, als hätte er einen Magneten im Winkel versteckt. Stoke-Keeper Simcha Amir flog vergeblich, das Netz zitterte - und Fiedler schüttelte erstmals den Kopf. Danach begann das, was man freundlich als "einseitig" bezeichnet. Millwall kombinierte mit balancierter Ruhe, während Stoke mit aggressiver Offensive und Pressing ins Leere lief. 63 Prozent Ballbesitz für die Gäste sprechen Bände. Ein einziger Lichtblick für Stoke: Billy Shepherd versuchte in der 76. Minute einen Distanzschuss - der Torwart Ethan Caviness fing ihn auf, als ginge es um einen Rückpass. Das Publikum applaudierte trotzdem, vermutlich aus Erleichterung, endlich mal einen Abschluss gesehen zu haben. Nach der Pause wechselte Fiedler dreifach - wohl in der Hoffnung, dass frisches Blut auch Ideen bringt. Joseph Latham, Liam Gross und Max Gage kamen. Es half nichts. Der Ball lief weiter nur in eine Richtung. Millwall-Trainer Sonny Crocket blieb derweil seelenruhig an der Seitenlinie. "Wir wollten das Tempo kontrollieren, nicht überdrehen", sagte er später. "Und wenn Stoke den Ball hatte, war das für uns wie eine kleine Verschnaufpause." In der 72. Minute wurde es dann bitter. Alexander Corey, gerade erst für Davonport gekommen, traf nach Vorarbeit von Christopher Thackeray zum 0:2. Ein Schuss, flach, präzise, unhaltbar. Die Stoke-Verteidigung stand da wie eingefroren - und der Fanblock hinter dem Tor schwieg. Nur einer rief trotzig: "Come on, lads!" - was in diesem Moment eher nach Bitte als nach Schlachtruf klang. Sieben Minuten später machte Tyler Boyle den Deckel drauf: Der Stürmer, der zuvor schon mehrfach knapp gescheitert war, traf nach einem Pass von Noah Clancy zum 0:3. "Ich habe einfach weitergeschossen", grinste Boyle nachher. "Irgendwann muss ja mal einer rein." Und weil Unglück selten allein kommt, legte Daniel Darabont in der 82. Minute noch das 0:4 nach, vorbereitet von Corey. Millwall spielte da bereits im Schongang, Stoke war längst im Überlebensmodus. Nach Schlusspfiff wirkte Fiedler erstaunlich gefasst. "Klar, das war eine Lehrstunde. Aber lieber heute vier Dinger kassieren, als nächste Woche zwei." Ein Satz, der wohl als Versuch gelten darf, Humor in die Trümmer zu streuen. Sonny Crocket hingegen zollte dem Gegner Respekt: "Stoke hat viel laufen müssen. Leider meistens hinter uns her." Die nackten Zahlen unterstreichen das Debakel: 28 Torschüsse zu 1, Ballbesitz 63 zu 37 Prozent, Zweikampfquote 59 zu 41 - das liest sich wie ein Eintrag im Lehrbuch für Spielkontrolle. Würde man die Begegnung in einem Satz zusammenfassen, er klänge wohl so: Millwall spielte Fußball, Stoke City stand dabei. Für Millwall war es der dritte Sieg in Folge - für Stoke ein Abend, den man am liebsten aus dem Kalender radiert. "Wir müssen diese jungen Spieler schützen", sagte Fiedler noch, bevor er in der Kabine verschwand. "Aber vielleicht auch mal daran erinnern, dass man beim Fußball Tore schießen muss." Am Ende blieb den Zuschauern immerhin eines: die Erkenntnis, dass man auch in Niederlagen wachsen kann - oder wenigstens den Humor behält. Ein älterer Fan beim Verlassen des Stadions fasste es trocken zusammen: "Vier Gegentore? Ach, das war doch Fortschritt. Letztes Jahr haben wir fünf gekriegt." Und Millwall? Die Löwen brüllen wieder. 26.05.643987 10:45 |
Sprücheklopfer
Ein Frühling macht noch keinen Sommer.
Klaus Toppmöller