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Wenn ein Team mit 21 Torschüssen anrückt und das andere sich mit gerade einmal fünf begnügt, dann ahnt man schon, in welche Richtung der Abend geht. Der FC Millwall hat am Mittwochabend Crewe Alexandra mit 5:1 (3:0) aus dem eigenen Stadion geschossen - und das mit einer Seelenruhe, die dem Publikum eher einen Tanztee als ein Fußballspiel versprach. 28.906 Zuschauer sahen ein Spiel, das man aus Sicht der Gastgeber wohl am liebsten schnell vergessen möchte. Schon in der Anfangsphase wurde klar: Crewe wollte mitspielen, durfte aber nicht. Millwall kombinierte nach Belieben, die Außenstürmer Darabont und Boyle zogen eine Show ab, bei der selbst die Eckfahne nervös wurde. In der 20. Minute fiel dann zwangsläufig das 0:1 - Boyle verwandelte nach feinem Zuspiel von Darabont eiskalt. Nur neun Minuten später durfte Boyle erneut jubeln, diesmal nach einem präzisen Pass von Lockwood. Crewes Verteidigung? Ein bisschen wie eine Schiebetür im Dauerbetrieb - immer offen, wenn’s brenzlig wurde. "Wir hatten eigentlich vor, kompakt zu stehen", murmelte Crewe-Trainer Urs Lustig nach dem Spiel, "aber die Jungs haben das wohl zu wörtlich genommen - sie standen kompakt, nur eben alle auf einem Haufen." Ein sarkastisches Lächeln konnte er sich dabei nicht verkneifen. Millwall blieb gnadenlos. In der 33. Minute traf Daniel Darabont selbst, nach einem sehenswerten Doppelpass mit Riley Charpentier. 0:3 - und noch eine Stunde zu spielen. Die Halbzeitpause kam für Crewe einer Begnadigung gleich. Man hätte meinen können, Millwall würde in den Verwaltungsmodus schalten - doch weit gefehlt. Coach Sonny Crocket, stets mit Sonnenbrille und Pokerface an der Seitenlinie, hatte offenbar ein anderes Drehbuch im Kopf. "Ich mag’s nicht, wenn meine Jungs aufhören, Spaß zu haben", sagte er später. "Und Tore machen ist nun mal Spaß." In der 69. Minute setzte Christopher Thackeray das nächste Ausrufezeichen. Nach Vorarbeit von Noah Clancy donnerte er den Ball unter die Latte - 0:4. Crewes Torwart Liam Millington schaute nur kurz hinterher, als wolle er sagen: "Ich bin ja da, aber was soll ich tun?" Kurz vor Schluss durften dann auch die Heimfans einmal jubeln. Gyula Weisz, der Veteran im Mittelfeld, traf nach schöner Vorarbeit des eingewechselten Benjamin Bloomfield zum 1:4 (89.). Ein Ehrentreffer, der so plötzlich kam, dass selbst der Stadionsprecher kurz zögerte, ob er wirklich die richtige Mannschaft genannt hatte. Doch Millwall hatte das letzte Wort. In der 90. Minute legte Darabont noch einmal auf - Bradley Davonport schloss ab, 1:5. Es war das sportliche Äquivalent zum Nachtritt eines höflichen, aber konsequenten Gastes. Die Statistik liest sich wie ein Zeugnis des Grauens für Crewe: 62 Prozent Ballbesitz für Millwall, 21 Torschüsse gegen 5, und eine Zweikampfquote von 55 zu 45 Prozent zugunsten der Londoner. Ein Klassenunterschied, der sich nicht nur in Zahlen, sondern in jedem Pass, jeder Bewegung zeigte. "Wenn du gegen so eine Mannschaft spielst, lernst du Demut", meinte Crewes Kapitän Evan Hathaway später. "Und dass man vielleicht doch mal früher attackieren sollte - oder überhaupt mal." Millwalls Trainer Crocket hingegen war fast schon verlegen, als er auf den Kantersieg angesprochen wurde. "Unsere Taktik war eigentlich defensiv angelegt", sagte er mit einem Grinsen. "Aber die Jungs haben das wohl missverstanden. Ich beschwere mich nicht." Einziger Wermutstropfen für die Gäste: Bradley Crichton sah kurz vor Schluss Gelb, vermutlich aus Langeweile, weil er sonst den ganzen Abend nichts verteidigen musste. Für Crewe geht es nun darum, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Trainer Lustig kündigte an, "einige Dinge im Training zu ändern" - was, verriet er nicht. Vielleicht fängt es damit an, dass seine Mannschaft künftig den Ball öfter hat. Millwall dagegen feiert ausgelassen und darf sich nach diesem Auftritt zu Recht als Aufstiegsfavorit fühlen. "Wir haben gezeigt, dass wir nicht nur brüllen, sondern beißen können", sagte Doppeltorschütze Boyle und grinste breit. Und so endete der Abend in Crewe mit einem Gefühl, das irgendwo zwischen Respekt und Resignation lag. Die Fans verabschiedeten ihre Mannschaft mit Applaus - vielleicht aus Mitleid, vielleicht aus Gewohnheit. Ein Spiel, das Lustig und seine Männer wohl nie vergessen werden. Und eines, das Sonny Crocket vermutlich mit Sonnenbrille und Siegerlächeln in den Geschichtsbüchern sehen will. 04.12.643993 18:36 |
Sprücheklopfer
Das Chancenplus war ausgeglichen.
Lothar Matthäus