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Es war einer dieser Abende im Februar, an denen der Wind durch die engen Gassen rund um The Den pfeift und man sich fragt, ob die 50.343 Zuschauer tatsächlich alle freiwillig gekommen sind. Aber wer den FC Millwall kennt, weiß: Hier geht es nicht um Komfort, sondern um Leidenschaft - und um Spiele, die man nicht vergisst, obwohl sie eigentlich zum Vergessen sind. Bis zur 86. Minute zumindest. Dann nämlich geschah das, woran fast keiner mehr glaubte: Rechtsverteidiger Bradley Crichton stieg - nein, schlich - nach vorne, bekam den Ball von seinem Namensvetter auf der anderen Seite, George Clancy, und drosch ihn mit einer Mischung aus Wut, Wille und wohliger Verzweiflung in die Maschen. 1:0. The Den bebte, und Crichton riss die Arme hoch, als hätte er gerade das Finale gewonnen. "Ich hab’ einfach mal draufgehalten", grinste er später, "und diesmal ist er nicht auf der Tribüne gelandet." Bis dahin hatte Millwall das Spiel dominiert, aber auf eine Art, die eher an zähe Handarbeit erinnerte als an fließenden Fußball. 21 Torschüsse, 55 Prozent Ballbesitz, unzählige Flanken - und doch wollte der Ball einfach nicht rein. Moss FK, der norwegische Gast aus der beschaulichen Hafenstadt Moss, war in der Defensive so hartnäckig wie ein nordischer Winter. Trainer Sonny Crocket, sonst ein Mann der klaren Worte, wirkte an der Seitenlinie zunehmend ungeduldig. "Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir knapp drüber oder daneben geschossen haben", seufzte er nach dem Spiel. "Aber ich wusste - einer würde schon reinrutschen." Dieser "eine" ließ eben bis zur 86. Minute auf sich warten. Davor hatte George Clancy bereits in der 5., 24., 42. und 53. Minute seine Flankenläufe mit gefährlichen Abschlüssen gekrönt. Auch Alfie Callahan, der Routinier im Sturm, scheiterte mehrfach aussichtsreich. Moss FK dagegen? Ein einziger Torschuss, in der 50. Minute, abgegeben von Tommy Berg - und der landete direkt in den sicheren Armen von Keeper Cameron Huxley, der vermutlich darüber nachdachte, ob er den Ball signieren und als Souvenir behalten sollte. Das Spiel war eines dieser Lehrstücke in Geduld. Millwall kontrollierte den Ball, Moss kontrollierte den Raum. Die Engländer liefen, passten, fluchten. Die Norweger verteidigten, rutschten, beteten. Und als sich kurz vor der Pause auch noch John Bancroft verletzte, schien das Schicksal endgültig gegen die Hausherren zu spielen. Bancroft humpelte vom Platz, während Ersatzmann Bradley Crichton eingewechselt wurde - jener Crichton, der später zum Helden des Abends werden sollte. Millwalls Pressing war nicht das aktivste, aber effektiv genug, um Moss kaum über die Mittellinie zu lassen. Die Gäste versuchten, den Ballbesitz wie einen Schneeball zu behandeln - lieber schnell wieder loswerden, bevor er schmilzt. "Wir wussten, dass sie Druck machen würden", erklärte Moss-Kapitän Henning Gran. "Aber 90 Minuten lang zu verteidigen, ist anstrengender, als man denkt. Vor allem, wenn man das Wetter nicht gewohnt ist." In der 77. Minute sah Crichton (noch nicht der Torschütze, sondern sein Teamkollege) Gelb - ein Symbol für die wachsende Ungeduld. Sonny Crocket brüllte von der Seitenlinie: "Noch ein bisschen Geduld, Männer!" Daraufhin soll George Clancy gemurmelt haben: "Geduld? Die hab ich in der Kabine gelassen." Dann kam sie, die 86. Minute. Ein schneller Doppelpass auf der rechten Seite, Clancy flankt flach in den Rückraum, Crichton läuft ein, zieht ab - und The Den explodiert. Der Rest war nur noch Jubel. Moss FK versuchte zwar, noch einmal nach vorne zu kommen, aber das war ungefähr so erfolgreich wie ein Schneeball im Hochofen. Nach dem Schlusspfiff feierte Millwall den knappen, aber verdienten Sieg. Sonny Crocket fasste es trocken zusammen: "Wir haben heute 21 Mal geschossen. Wenn man so oft klopft, macht irgendwann jemand die Tür auf." Ein 1:0, das in keiner Highlight-Show die großen Schlagzeilen bekommen wird - aber in Millwall weiß man: Auch solche Spiele machen eine Mannschaft stark. Und wenn ein Rechtsverteidiger das Tor des Abends schießt, darf man ruhig mal ein bisschen sentimental werden. Oder, wie Crichton beim Verlassen des Platzes lachend sagte: "Ich wusste gar nicht, dass ich so weit vorne stehen darf." So siegt Millwall spät, verdient - und irgendwie typisch englisch. Nicht schön, aber ehrlich. Und an diesem Abend war das genug. 22.09.643990 12:42 |
Sprücheklopfer
Wenn wir kein Tor machen, können wir nicht einmal in Kaiserslautern gewinnen.
Aleksandar Ristic