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Es war kaum Zeit, sich die Sitzkissen zurechtzurücken, da lag der Ball schon im Netz. Ganze zwei Minuten waren gespielt, als Riley Charpentier vom FC Millwall den Sheffield-Fans die Laune gründlich verdarb. Nach einem schnellen Doppelpass mit dem flinken Daniel Darabont zimmerte Charpentier den Ball kompromisslos ins rechte Eck. 37.859 Zuschauer im Hillsborough-Stadion rieben sich die Augen - das Spiel hatte gerade erst begonnen, und der FC Sheffield lag schon hinten. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen, ehrlich!", verteidigte sich später Sheffields Trainer Erich Speithvenne mit einem gequälten Lächeln. "Aber Charpentier hatte wohl andere Informationen." Von da an spielte Millwall, als hätten sie das Stadion gemietet. 51 Prozent Ballbesitz - knapp, aber aussagekräftig -, dazu 16 Torschüsse, während Sheffield gerade einmal vier zustande brachte. Besonders Charpentier, der zentrale Antreiber im blauen Trikot, schien einen unerschütterlichen Pakt mit dem Torabschluss geschlossen zu haben. Zwischen Minute 2 und 77 feuerte er gleich viermal aufs Tor, als wolle er prüfen, ob der Ball vielleicht noch eine zweite Eintrittskarte braucht. Sheffield mühte sich, keine Frage. Daniel Bosworth probierte es in der 10. Minute mit einem beherzten Schuss, Jan Breska legte in der 30. Minute nach - doch jedes Mal war Millwalls Torhüter Ethan Caviness zur Stelle. Einmal hechtete er so spektakulär, dass die Fotografen auf der Pressetribüne kollektiv auf den Auslöser drückten. "Wir hatten unsere Chancen, aber irgendwie hat der Ball uns heute nicht gemocht", sagte FC-Stürmer Christopher Finnan später sarkastisch. "Vielleicht war’s ihm zu kalt." Millwall blieb unbeirrt offensiv. Trainer Sonny Crocket - mit Sonnenbrille selbst unter Flutlicht - hatte seine Jungs klar eingestellt: offensiv, aggressiv, aber ohne Pressing-Wahnsinn. "Wir wollten den Ball laufen lassen, nicht die Gegner", erklärte er nach dem Spiel und grinste breit. Sheffield dagegen wirkte taktisch solide - immerhin "balanced" auf dem Papier -, aber ungefährlich. Spätestens nach der Pause, als Speithvenne Lucas Bridges für Ben Billet brachte, um "mehr Stabilität im Zentrum" zu schaffen (so seine Worte), war klar: Hier sollte kein Feuerwerk mehr gezündet werden. Millwall dagegen wechselte jung und schnell. In der 73. Minute kam Samuel Bloomfield für Joel Satchmore - und der 20-Jährige wirkte, als wolle er gleich die gesamte linke Flanke umpflügen. Kurz darauf brachte Crocket auch Joseph Lockwood, 22 Jahre alt, für Tyler Boyle. Und dieser Wechsel sollte sich als goldrichtig erweisen. Denn in der 88. Minute, als Sheffield noch einmal alles nach vorn warf (oder zumindest so tat), konterte Millwall eiskalt. Darabont, der schon beim ersten Treffer die Vorlage geliefert hatte, sprintete über links, flankte mit chirurgischer Präzision in die Mitte - und Lockwood vollendete mit der Ruhe eines erfahrenen Profis. 2:0. Die Entscheidung. "Daniel hat mir den Ball serviert wie im Training", schwärmte Lockwood nach dem Spiel. "Da hätte ich mich schon anstrengen müssen, ihn zu verfehlen." Sheffield reagierte konsterniert. Oscar Morrison, der Innenverteidiger, holte sich in der 79. Minute die gelbe Karte ab - gewissermaßen als Symbol für die Frustration des gesamten Teams. Millwall hingegen verwaltete das Ergebnis souverän, ohne hektisch zu werden. Selbst die Nachspielzeit brachte keine Gefahr mehr - außer für die Geduld der Heimfans, die langsam Richtung Parkplätze strömten. Statistisch gesehen war’s kein Klassenunterschied, aber ein deutlicher Unterschied im Zielwasser: 16 zu 4 Torschüsse, 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe für Millwall, dazu zwei eiskalte Treffer. Sheffield fehlte schlicht die Durchschlagskraft. "Wir hatten den Plan, das Spiel ruhig zu halten", erklärte Erich Speithvenne nüchtern. "Das hat funktioniert - nur leider auch für den Gegner." Und so endet ein kalter Januarabend in Sheffield mit einem heißen Start und einem kalten Ende: Millwall nimmt drei Punkte mit, Sheffield bleibt ratlos zurück. Crocket verabschiedete sich noch mit einem Händedruck und einem Augenzwinkern: "Ich mag englische Winter - sie frieren die Gegner förmlich ein." Sheffield wird sich wärmen müssen - vielleicht mit einem Sieg nächste Woche. Millwall dagegen kann sich ein heißes Getränk gönnen und den Blick auf die Tabelle genießen. Ein Spiel, das zeigte: Früh aufstehen lohnt sich - zumindest, wenn man Riley Charpentier heißt. 19.12.643987 03:49 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer