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Es war ein Pokalabend, wie ihn selbst hartgesottene Stadionwürste selten erleben: 59.000 Zuschauer im altehrwürdigen Millwall-Ground, dazu Flutlicht, Nieselregen und ein Gegner, der normalerweise eher in Champions-League-Stadien als in Londons Südosten auftritt. Doch am Ende jubelte nicht der Favorit aus Manchester, sondern der FC Millwall - mit einem 2:1-Sieg, der in der 96. Minute besiegelt wurde und den heimischen Trainer Sonny Crocket aussehen ließ, als hätte er gerade den Pokal selbst gewonnen. Das Spiel begann furios. Schon in der 7. Minute versetzte Elliot Lockwood die Tribünen in Ekstase. Nach feinem Zuspiel von Robert Bancroft zog der Linksaußen trocken ab - 1:0 für Millwall. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht", grinste Lockwood später. "Der Ball kam, und ich dachte: Na gut, dann hauen wir ihn halt rein." Doch wer glaubte, Manchester würde sich das gefallen lassen, kennt die Devils schlecht. Acht Minuten später stand es schon 1:1. Logan Nolan traf nach Vorarbeit von Rafet Kisa - ein Angriff wie aus dem Lehrbuch des modernen Umschaltspiels. "Wir waren da einfach zu brav", knurrte Crocket an der Seitenlinie, während Devils-Trainer Reto Klopfenstein mit einem kaum merklichen Nicken quittierte, dass sein Plan zunächst aufging. Das Spiel blieb danach ein offener Schlagabtausch. Millwall suchte den Weg über die Flügel, Manchester antwortete mit Wucht durch die Mitte. In der 38. Minute sah Millwalls junger Innenverteidiger John Bancroft Gelb, nachdem er Kuqi umgepflügt hatte wie ein Bauer das Feld im Frühjahr. "Ich wollte nur den Ball", beteuerte Bancroft später, was Kuqi mit einem spöttischen Lächeln kommentierte: "Dann sollte er sich vielleicht mal eine Brille kaufen." Kurz darauf musste bei den Devils Tobias Ludwig verletzt raus - eine Szene, die Manchester sichtlich aus dem Rhythmus brachte. Ersatzmann Timofej Tertyschny kam, sah, und holte sich in der 76. Minute ebenfalls Gelb. "Ich wollte einfach zeigen, dass ich da bin", erklärte der Verteidiger lakonisch. Nach dem Seitenwechsel drückte Millwall wieder aufs Tempo. Christopher Thackeray prüfte den Gästekeeper Hanegbi gleich zweimal hintereinander (50. und 51. Minute), während Tyler Boyle auf der rechten Seite so viele Kilometer machte, dass man ihm nach Abpfiff einen Tankgutschein hätte ausstellen können. Crocket brüllte von der Seitenlinie: "Mehr Mut, Jungs! Die Devils sind auch nur Menschen!" - eine Aussage, die in der lokalen Presse wohl noch zitiert werden dürfte. Trotz leichter Feldüberlegenheit (Ballbesitz 50,2 % zu 49,8 %) und 13:7 Torschüssen wollte der entscheidende Treffer lange nicht fallen. Manchester lauerte auf den Lucky Punch, Kuqi und Kisa hatten ihre Gelegenheiten, aber Millwalls Torwart Ethan Caviness parierte sicher und mit der Ruhe eines Mannes, der ahnte, dass da noch etwas kommt. Und tatsächlich - als die meisten Zuschauer schon resigniert die letzten Pommes in den Pappbecher kratzten, schlug Benjamin Fryer zu. 96. Minute, letzter Angriff, Flanke Thackeray, Kopfball Fryer - Tor. Das Stadion explodierte. "Ich hab ehrlich gesagt nur gehofft, dass keiner abpfeift, bevor der Ball drin ist", schnaufte der Matchwinner, während Crocket an der Seitenlinie in Ekstase ausbrach. Klopfenstein hingegen blieb ruhig. "So ist Pokal", sagte er mit einem bitteren Lächeln. "Manchmal gewinnst du mit Glück, manchmal verlierst du mit Drama. Heute war’s beides - nur auf der falschen Seite." Statistisch gesehen war es ein ausgeglichenes Spiel, aber Millwall zeigte das, was man in Lehrbüchern selten findet: unerschütterliche Leidenschaft. Selbst als Manchester in der Nachspielzeit noch einmal alles nach vorne warf, verteidigten Hartshorn und Co. mit Zähnen und Klauen. Als Schiedsrichter Godfrey schließlich abpfiff, fiel Crocket seinem Co-Trainer in die Arme, während die Fans "Millwall till I die!" skandierten - laut, schief, aber voller Überzeugung. "Das war kein Fußballspiel, das war ein kleines Märchen", fasste Lockwood später zusammen. "Und ich bin froh, dass ich mitspielen durfte." Vielleicht war’s tatsächlich eines dieser Abende, die man noch in Jahren in den Pubs von South London erzählen wird - mit etwas mehr Bier und noch ein bisschen mehr Pathos. Doch Fakt bleibt: Millwall steht im Viertelfinale, die Devils fahren heim. Und irgendwo in der Kabine hängt noch der Geruch von kaltem Schweiß, Sieg und Sensation. 19.11.643990 10:36 |
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Ob rechts oder links, wo ich auftauchte, war ich schlecht.
Mario Basler