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Ein nasskalter Dienstagabend in London, Flutlicht, 55.414 Zuschauer im Stadion an der The Den - und ein FC Millwall, der von der ersten Minute an so spielte, als gäbe es kein Morgen. Bournemouth dagegen wirkte, als hätte man den Bus direkt aus der Jugendakademie geschickt: laufbereit, aber mit weichen Knien. Am Ende hieß es völlig verdient 2:0 (2:0) für die Gastgeber, die mit einem dominanten Auftritt im 24. Spieltag der 1. Liga England ihre Ambitionen untermauerten. Schon nach fünf Minuten lag der Ball im Netz. Benjamin Fryer, Millwalls bulliger Mittelstürmer, nutzte die erste Chance eiskalt. Nach einem schnellen Doppelpass mit Tyler Boyle donnerte er den Ball aus zwölf Metern unter die Latte. "Ich hab gar nicht nachgedacht", grinste Fryer nach dem Spiel, "wahrscheinlich war das mein Glück - sonst hätte ich ihn wahrscheinlich in die Themse gedroschen." Bournemouths Trainer Raffael Vogelsang stand da noch an der Seitenlinie, die Hände in den Taschen, und rief seinen jungen Spielern zu: "Ruhig bleiben, Jungs!" Leider blieb es bei der Ruhe - vom Spiel war wenig zu sehen. Millwall kombinierte, Bournemouth schaute zu. Nach einer halben Stunde fiel das 2:0, als Elliot Lockwood nach feiner Vorarbeit von Linksverteidiger Joel Satchmore den Ball aus spitzem Winkel ins lange Eck schlenzte (33.). "So ein Ding machst du nur, wenn du gerade keine Zeit zum Nachdenken hast", witzelte Lockwood und grinste breit. Zur Halbzeit war die Partie im Grunde entschieden. 2:0, 60 Prozent Ballbesitz, 12:0 Torschüsse - Millwall war in jeder Hinsicht überlegen. Trainer Sonny Crocket, der Mann mit dem Dauerlächeln und der Sonnenbrille selbst bei Nachtspielen, zeigte sich dennoch unzufrieden: "Wir hätten zur Pause 4:0 führen müssen. Ich sag den Jungs immer: Wenn du Gnade im Strafraum zeigst, zeigt dir der Fußball irgendwann keine mehr." Bournemouth wechselte zur zweiten Halbzeit - der blasse Charles Winston ging, der 20-jährige Leo McGowan kam. Ein frischer Wind sollte es werden, wurde aber eher ein laues Lüftchen. Immerhin, in der 52. Minute gelang dem 17-jährigen William McLeod der einzige Torschuss der Gäste. Millwalls Keeper Ethan Caviness, der bis dahin vermutlich überlegte, ob er sich einen Tee aufstellen sollte, lenkte den Ball locker über die Latte. Das war’s mit Bournemouths Offensivdrang. Danach spielte nur noch Millwall. Daniel Darabont, der flinke Linksaußen, prüfte den Gästetorwart gleich mehrfach (7., 41., 71., 85., 91.), Boyle und Fryer hatten weitere Chancen. Insgesamt 18 Schüsse aufs Tor - gegen einen einzigen der Gäste. Die Zahlen erzählen die Geschichte dieses Spiels ungeschminkt: Ballbesitz 60 zu 40, Zweikampfquote 59 zu 41 Prozent, Gelbe Karten 2 zu 1. Raffael Vogelsang wirkte nach Abpfiff gefasst, fast schon philosophisch: "Manchmal ist Fußball wie ein schlechter Witz - du weißt, was kommt, aber du lachst trotzdem nicht." Seine junge Mannschaft wird Lehrgeld zahlen müssen. Ashley Cole (nicht der Ashley Cole, den man kennt, sondern der 17-jährige Namensvetter) sah in der 89. Minute Gelb, nachdem er Daniel Darabont etwas zu rustikal vom Ball trennen wollte - vielleicht das einzige Zeichen, dass Bournemouth überhaupt noch lebte. Millwall dagegen zeigte, dass man auch ohne übertriebene Härte aggressiv spielen kann. Zwei Gelbe Karten - für Bradley Crichton (54.) und Torschütze Lockwood (59.) - waren eher das Resultat übermotivierten Eifers als tatsächlicher Unsportlichkeit. "Ich wollte nur ein Zeichen setzen", meinte Crichton später mit einem Augenzwinkern. "Leider war’s dann das falsche Zeichen - direkt vor dem Schiedsrichter." In den letzten 20 Minuten verwaltete Millwall das Spiel mit stoischer Ruhe. Die Zuschauer waren zufrieden, die Pints halb leer, und Trainer Crocket stand lässig an der Linie, die Hände tief in den Taschen, als hätte er alles schon vor dem Anpfiff gewusst. "Wir haben offensiv gespielt, aber trotzdem kontrolliert", erklärte er. "So will ich meine Jungs sehen: mutig, frech, selbstbewusst - und wenn’s geht, mit zwei Toren Vorsprung zur Pause." Das 2:0 war am Ende fast zu niedrig, aber für Bournemouth wohl hoch genug. Der Auftritt der Gäste erinnerte an eine Schülerexkursion ins Haifischbecken - man überlebt, aber man möchte nicht gleich wieder rein. Und so ging ein kühler Märzabend in London zu Ende, mit warmem Applaus für die Hausherren und einer Lektion für die Gäste. Millwall bleibt bissig, Bournemouth jung - und das Spiel? Eine Erinnerung daran, dass Erfahrung manchmal einfach alles ist. Oder wie Millwall-Stürmer Fryer es beim Verlassen des Platzes trocken formulierte: "Zwei Tore sind schön. Aber drei wären besser gewesen - fürs Ego." 14.06.643993 02:35 |
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