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Ein lauer Märzabend, 59 000 Zuschauer, Flutlicht und Pokalspannung pur - das Viertelfinale zwischen dem FC Millwall und den Liverpool Reds bot all das, was man an englischen Fußballnächten liebt: Dramatik, Schweiß, ein Schuss Chaos - und am Ende jubelten die Gäste aus Liverpool über ein spätes 2:1. Dabei hatte alles so gut für Millwall begonnen. Die Hausherren, von Trainer Sonny Crocket mit einer deutlich offensiven Ausrichtung auf den Platz geschickt, legten los, als wollten sie die Reds gleich in den ersten Minuten aus dem Stadion jagen. Schon nach elf Minuten zappelte der Ball im Netz: Christopher Thackeray, der flinke Rechtsaußen, vollendete nach energischem Vorstoß von Tyler Boyle zur frühen Führung. Das Stadion tobte, und selbst Crocket riss die Arme hoch, als wäre der Pokal schon gewonnen. "Wir wollten zeigen, dass wir keine Angst vor großen Namen haben", erklärte Thackeray später mit einem Grinsen. "Und für zehn Minuten sah das ja auch so aus." Liverpool wirkte zunächst überrascht, fast verlegen. Trainer Kurt Kaiser gestikulierte wild an der Seitenlinie, als wolle er seine Defensive hypnotisieren. Sein Team, taktisch eher auf Konter eingestellt, fand erst nach einer halben Stunde ins Spiel. Robert Warriner prüfte Millwalls Keeper Ethan Caviness mehrfach, der sich mit Katzenreflexen auszeichnete. "Ich wollte einfach, dass die Null steht", sagte Caviness. "Leider stand sie am Ende auf der falschen Seite." Millwall hatte mehr Ballbesitz (53 Prozent) und lange Zeit die Kontrolle, doch Liverpool schlich sich zurück ins Spiel wie ein Dieb in der Nacht. Nach dem Seitenwechsel brachte Kaiser frische Kräfte - Lucas Ward und der erfahrene Tristan Apers kamen in der 69. Minute, und plötzlich wirkte das Team lebendiger, mutiger, gieriger. In der 73. Minute fiel dann der Ausgleich: Ryan Winston, bis dahin kaum zu sehen, zog nach feinem Zuspiel von Ward ab - unhaltbar ins lange Eck. Die Bank der Reds explodierte. "Ich hab’ nur den Ball gesehen und gedacht: Jetzt oder nie!", sagte Winston später lachend. Millwall wirkte danach verunsichert. Die Beine wurden schwer, die Pässe ungenau, und Coach Crocket schrie sich an der Seitenlinie die Seele aus dem Leib. "Wir haben aufgehört, mutig zu sein", knurrte er hinterher. "Und wer gegen Liverpool aufhört, mutig zu sein, verliert." Als die Nachspielzeit schon lief und die Fans sich auf eine Verlängerung einstellten, schlug das Schicksal zu - in der 94. Minute, als ausgerechnet Innenverteidiger Ashton Young nach einer Ecke zum Kopfball hochstieg und den Ball wuchtig ins Netz beförderte. Es war einer dieser Momente, in denen die Zeit kurz stillzustehen scheint - bevor 3000 Liverpool-Fans im Gästeblock völlig durchdrehten. "Ich hab’ gar nicht gewusst, dass ich so hoch springen kann", witzelte Young nach dem Spiel. So endete ein intensives Pokalduell mit 2:1 für die Gäste. Liverpool hatte am Ende die besseren Nerven und etwas mehr Zielstrebigkeit - 16 Torschüsse gegenüber 12 von Millwall sprechen eine deutliche Sprache. Auch wenn Millwall kämpfte, biss und rackerte, reichte es nicht. Louis Fairchilds Gelbe Karte in der 23. Minute symbolisierte das Spiel der Gastgeber: viel Einsatz, aber manchmal übermotiviert. Trainer Kaiser zeigte sich nach dem Spiel erleichtert. "Das war kein Schönheitspreis, das war pure Arbeit", sagte er mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Erschöpfung lag. "Millwall hat uns alles abverlangt. Aber genau deshalb liebe ich den Pokal - hier gewinnt nicht, wer schöner spielt, sondern wer länger durchhält." Und Millwall? Die Spieler schlichen nach dem Schlusspfiff vom Platz, während die Reds vor ihrem Fanblock tanzten. Tyler Boyle, der Assistgeber des Führungstreffers, fasste es trocken zusammen: "Wir hätten sie heute schlagen können. Aber wir haben’s halt nicht getan. Willkommen im Pokal." Vielleicht war es genau das, was diesen Abend so besonders machte - ein Spiel, das zeigte, dass Fußball manchmal grausam gerecht ist. Millwall spielte mutig, Liverpool clever. Und am Ende, als der letzte Flutlichtschein über den Rasen glitt, blieb nur die Erkenntnis: Der Pokal schreibt weiter seine eigenen Geschichten - und diesmal hat er eine mit bitterem Millwall-Ende und rotem Happy End hinzugefügt. Oder, um es mit den Worten eines alten Fans auf der Tribüne zu sagen: "Typisch Millwall - erst Hoffnung, dann Herzklopfen, dann Herzschmerz." 25.06.643993 13:07 |
Sprücheklopfer
Da haben Spieler auf dem Spielfeld gestanden, gestandene Spieler.
Günter Netzer