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Was für ein Abend an der The Den! 39.037 Zuschauer brüllten, pfiffen, jubelten und rieben sich schließlich ungläubig die Augen, als der FC Millwall nach 92 Minuten tatsächlich die London Gunners mit 3:2 besiegte - und das nach einem 0:2-Rückstand nach elf Minuten. Wer zu spät kam, hatte schon zwei Tore verpasst, wer zu früh ging, verpasste die Auferstehung. Kaum hatte Schiedsrichter Wilton angepfiffen, da zappelte der Ball schon im Netz. Gunners-Stürmer Lewis MacLaren war hellwach, stand richtig und schob nach Vorlage von Niclas Brinkmann eiskalt ein (1.). "Ich wollte eigentlich erst mal warm werden", grinste MacLaren später, "aber dann hab’ ich gedacht: warum warten?" Millwalls Verteidigung dagegen wirkte, als habe sie noch das Pausenbier vom Vortag im Kopf. Und weil es so schön war, legten die Gäste gleich nach: In der 11. Minute kombinierte sich London durch die linke Seite, wieder war Brinkmann beteiligt, diesmal als Vorlagengeber für Adam Ross. Dessen Schuss aus 14 Metern schlug unhaltbar ein. 0:2 - nach elf Minuten. Trainer Sonny Crocket stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie und murmelte etwas, das selbst für geübte Lippenleser nicht druckreif war. Doch Millwall wäre nicht Millwall, wenn sie sich einfach ergeben hätten. Sie bissen sich zurück ins Spiel, kämpften, grätschten, rempelten - und sie fanden Elliot Lockwood. Der 30-Jährige, der an diesem Abend mit seinem Namensvetter Joseph ein Familien-Duo bildete, traf in der 24. Minute nach Vorarbeit von Robert Bancroft zum 1:2. "Da wussten wir, dass wir noch leben", sagte Lockwood später. "Sonny hat uns in der Pause gesagt: Wenn ihr schon verliert, dann wenigstens mit dreckigen Hosen." Zur Pause lag Millwall trotz leichtem Chancenplus (8:6 Torschüsse) noch hinten. Doch die Körpersprache stimmte, und Crocket drehte an der Taktikschraube: Voller Einsatz, Pressing auf Anschlag, Offensive bis zur letzten Pore. "Ich hab’ den Jungs gesagt: Wenn wir schon verlieren, dann so, dass die Fans es noch drei Tage in den Knochen spüren", witzelte der Coach später. Und tatsächlich: In der zweiten Halbzeit rollte Angriff auf Angriff auf das Tor der Gunners. Benjamin Fryer prüfte Keeper Dorian Verguts mehrfach, Joseph Lockwood verzweifelte an der Latte - bis zur 69. Minute. Da war es eben jener Lockwood, der nach Flanke seines älteren Namensvetters zum 2:2 einköpfte. Ein Tor, das die Tribüne erzittern ließ. "Ich wusste gar nicht, dass ich so hoch springen kann", lachte der 22-Jährige. Die Gunners, bis dahin mit mehr Ballbesitz (52 %), wirkten plötzlich wie eingefroren. Trainer Mario Roth brüllte von der Seitenlinie: "Ruhig bleiben!", aber seine Spieler hatten längst den Faden verloren. Zwei Gelbe Karten in der Nachspielzeit - Stokes (95.) und Jürgens (96.) - erzählten von wachsender Verzweiflung. Und dann kam die 92. Minute. Millwall warf alles nach vorn, Riley Charpentier schickte Joseph Lockwood in die Gasse - der Rest war Ekstase. Der junge Stürmer blieb cool, schob den Ball an Verguts vorbei und sprintete Richtung Fankurve. Trikot weg, Arme hoch, Stadion explodiert. 3:2! "Ich hab’ einfach nur gebrüllt", gab Lockwood zu. "Sonny hat mir später gesagt, dass ich so nie wieder jubeln darf - weil ich fast über die Bande gefallen wäre." Trainer Crocket hingegen grinste breit: "Das war kein Fußballspiel, das war Therapie." Statistisch gesehen hätte es auch anders ausgehen können. Die Gunners hatten mehr Ballbesitz, aber weniger Zug zum Tor (9 zu 15 Torschüsse). Millwall war bissiger in den Zweikämpfen (52 %), aggressiver in der Körpersprache und mutiger in der Schlussphase. Selbst die Einwechslungen passten: Daniel Darabont brachte in der 73. Minute frischen Wind, Isaac Hartshorn stabilisierte hinten. Nach dem Schlusspfiff lagen die Millwall-Spieler auf dem Rasen, erschöpft und selig. Die Fans sangen, die Gunners schlichen. Trainer Roth suchte nach Worten: "Wir haben gut angefangen, aber Fußball dauert länger als elf Minuten." So endet ein Spiel, das in Millwall noch lange erzählt werden wird - von der Nacht, als ein 22-Jähriger namens Lockwood zwei Tore machte, sein älterer Namensvetter eins auflegte und London für 90 Minuten dem Wahnsinn verfiel. Oder, wie ein älterer Fan auf der Tribüne sagte, während er sich die Stimme mit Bier ölte: "Das war Millwall pur - hässlich, laut und wunderschön." 22.02.643987 23:30 |
Sprücheklopfer
Wir haben die Chancenverwertung nicht verwertet.
Andreas Brehme