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Das Halbfinal-Hinspiel der Conference League zwischen dem FC Millwall und FK Smederevo endete, wie es begann: torlos, aber keineswegs ereignislos. 59.000 Zuschauer im Londoner Stadion sahen am Dienstagabend ein 0:0, das kein Freund ästhetisch reiner Fußballkunst war - aber durchaus Stoff für Diskussionen lieferte. Schon die ersten Minuten deuteten an, dass Millwall nicht gewillt war, das Spiel dem serbischen Gast zu überlassen. Elliot Lockwood prüfte in der 3. Minute den gegnerischen Keeper, kurz darauf drosch Daniel Darabont zweimal in Folge aufs Tor, als wolle er die Statistik gleich zu Spielbeginn aufpolieren. "Wir wollten früh zeigen, dass hier niemand einfach so mit dem Bus parkt", sagte Millwall-Trainer Sonny Crocket später mit einem Lächeln, das zwischen Stolz und Verzweiflung schwankte. Doch Smederevo konterte, ganz im Stil ihres Trainers Osteroder FC - ja, so heißt er wirklich, und nein, das ist kein Vereinsname - mit langen Bällen und robustem Zweikampfspiel. Archie Gady und Zoran Filipovic testeten in der 10. und 12. Minute Millwalls Torwart Cameron Huxley, der beide Male glänzend reagierte. Dann passierte das, was man in England "typisch Millwall" nennt: viel Einsatz, noch mehr Körper und irgendwann die obligatorische Karte. In der 51. Minute sah James Thuringer glatt Rot, nachdem er Zoran Filipovic mit einem Tackling stoppte, das man eher aus Rugby kennt. "Ich traf erst den Ball, dann den Mann, vielleicht in dieser Reihenfolge", murmelte Thuringer später beim Gang in die Kabine. Crocket schüttelte nur den Kopf: "Wir trainieren Grätschen, keine Abrissarbeiten." Doch selbst zu zehnt zeigte Millwall Herz. John Bancroft, der Innenverteidiger mit der Gelben Karte von der 60. Minute, warf sich in jeden Ball, als hinge seine Karriere davon ab. Elliot Lockwood rannte bis zur Erschöpfung, und vorne versuchte Darabont weiter, die Gesetze der Physik zu überwinden - leider erfolglos. Smederevo dagegen spielte clever, fast zu clever. Sie ließen den Ball laufen, hielten 54 Prozent Ballbesitz und wirkten, als wollten sie Millwall mit Geduld zermürben. Aber Millwalls Keeper Huxley hatte einen dieser Tage, an denen selbst Fliegen keine Chance gehabt hätten, durchs Netz zu kommen. In der 68. Minute parierte er einen strammen Schuss von Roberto Colosimi so spektakulär, dass selbst die gegnerische Bank applaudierte. "Ich hab’ einfach die Augen zu und die Hände hoch", witzelte Huxley später. Dann wurde es kurios: In der 62. Minute verletzte sich Christopher Thackeray, Sekunden nachdem er ausgewechselt wurde. "Das war wohl die erste Verletzung beim Gehen vom Platz, die ich je gesehen habe", grinste ein Kollege aus der Presse. Für ihn kam Noah Clancy - und brachte frischen Wind auf der rechten Seite, zumindest solange, bis wieder ein serbischer Ellenbogen im Weg stand. Smederevo wechselte ebenfalls eifrig: Aznar kam für Fernandes (65.), Ilic und Graysmark ersetzten die beiden Außenverteidiger (70.). Alles sah nach einem Schlussoffensive-Versuch aus - doch Millwall hielt stand. "Wir wollten kein Gegentor, und das ist uns perfekt gelungen", sagte Crockett, "leider auch kein eigenes." Die Statistiken erzählten am Ende eine erstaunlich ausgewogene Geschichte: 10:9 Torschüsse für Millwall, 46 zu 54 Prozent Ballbesitz zugunsten der Gäste. Beide Teams mit 100 Prozent Leidenschaft, aber 0 Prozent Effizienz. Im fiktiven Interview nach dem Spiel seufzte Darabont: "Ich hätte heute noch zwei Stunden weiterspielen können - aber wahrscheinlich wäre der Ball trotzdem nicht reingegangen." Sein Trainer schlug ihm auf die Schulter: "Mach dir nichts draus, Daniel. Im Rückspiel treffen wir dann doppelt - einmal du, einmal ich im Traum." Smederevos Coach Osteroder FC blieb sachlich: "Ein 0:0 auswärts ist ein gutes Ergebnis. Aber Millwall hat uns gezeigt, dass sie auch mit zehn Mann unangenehm sind." Als die Fans das Stadion verließen, hörte man viele Stimmen, die von einem "ehrlichen Fußballabend" sprachen - was im Englischen meist heißt: kein Spektakel, aber viel Schweiß. Vielleicht war es nicht schön, aber es war Millwall. Und in einer Welt, die oft nach Perfektion schreit, hatte dieses 0:0 wenigstens Charakter. Das Rückspiel in Serbien wird nun zur Nervenschlacht. Und wer weiß: Vielleicht fällt dort ja sogar ein Tor. Millwall wäre es zu gönnen - und dem Reporter auch, der dann endlich über etwas anderes als Grätschen, Gelb-Rot und gebrochene Schuhe schreiben dürfte. 22.08.643993 11:05 |
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Mario Basler