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Es war ein kalter Januarabend in den Midlands, als 15.297 Zuschauer im Villa Park (nicht zu verwechseln mit dem der großen Nachbarn) ein Spiel sahen, das zunächst nach englischem Wintergrau roch - und am Ende doch in dramatischem Spätglanz erstrahlte. Midlands Villa gewann am 5. Spieltag der Gruppenrunde im Liga-Pokal gegen die Hull Tigers mit 2:1 (0:0). Es war ein Sieg der Geduld, der Leidenschaft - und ein bisschen auch des Zufalls. Beide Teams begannen verhalten, als hätten sie sich gegenseitig versprochen, das Tor erst zur zweiten Halbzeit zu suchen. Dabei waren die Tigers in der ersten Halbzeit das bissigere Raubtier: zwölf Torschüsse insgesamt, davon einige gefährliche über die Flügel - ganz nach Trainer Mathias Oergels Plan. "Wir wollten das Spiel breit machen, die Außen überlaufen lassen", erklärte er später. "Leider haben wir vergessen, dass man am Ende auch treffen muss." Die beste Gelegenheit vor der Pause hatte Connor Wiltshire in der 43. Minute. Sein Schuss aus spitzem Winkel strich knapp am langen Pfosten vorbei - Midlands-Keeper Tyler Clancy hatte nur hinterhergeschaut und später grinsend zugegeben: "Ich hatte den Ball ganz klar - mit den Augen." Im zweiten Durchgang schien Hull den Plan gefunden zu haben, der Villa das Leben schwerzumachen. In der 52. Minute war es ausgerechnet Linksverteidiger Charlie Henderson, der nach Vorarbeit von Jorgen Halvorsen aus der zweiten Reihe abzog - und traf. Ein satter Schuss ins rechte Eck, unhaltbar. 0:1, und der Auswärtsblock tobte. Henderson, sonst eher für Grätschen als für Glanzmomente zuständig, sagte hinterher trocken: "Ich dachte, ich versuch’s mal. Normalerweise fliegt der Ball zum Parkplatz - heute halt nicht." Doch das Tor war wie ein Weckruf für die Hausherren. Trainer Ron Li, der an der Seitenlinie bis dahin eher wirkte wie ein Mann, der innerlich Tee trinkt, wurde plötzlich lebendig. "Ich habe den Jungs gesagt: So, jetzt reicht’s mit höflichem Fußball", verriet er später mit einem Augenzwinkern. Gesagt, getan. Nur 15 Minuten nach dem Rückstand stand es 1:1. Nick Born, rechter Flügelstürmer mit dem Selbstbewusstsein eines Showstars, verwandelte in der 67. Minute nach präziser Vorarbeit von Werner Arnold. Ein klassischer Angriff durch die Mitte - ganz wie Li es liebt. Born rannte jubelnd zur Eckfahne, die Fans tobten. "Ich hab nur gedacht: Wenn ich den jetzt versemmel, kann ich mich im Training eingraben", lachte er danach. Hull versuchte, nach dem Ausgleich wieder Struktur zu finden, wechselte dreimal innerhalb weniger Minuten: Lujan, Goncalves und der junge Caviness kamen - frisches Blut, aber keine frischen Ideen. Zudem verletzte sich Innenverteidiger Lujan kurz vor Schluss bei einem unglücklichen Zweikampf, musste behandelt werden. "So ein Mist", murmelte Coach Oergel später, "wir haben mehr medizinische Minuten als Nachspielzeit gehabt." Die Partie schien auf ein Unentschieden zuzusteuern, bis Alexander Hennessy in der 90. Minute die Geduld der Heimfans belohnte. Nach einer Vorlage von - wem sonst - Nick Born zog der zentrale Mittelfeldmann wuchtig ab. Der Ball rauschte durch Freund und Feind hindurch ins rechte Eck. 2:1! Ein Last-Minute-Tor, wie es in den Midlands geliebt wird. "Ich wusste gar nicht, dass ich so fest schießen kann", grinste Hennessy später. "Vielleicht lag’s am neuen Schuhmodell." Trainer Li indes tat so, als hätte er alles geplant: "Wir wollten Hull müde spielen. Dass es bis zur 90. dauert, war reine Dramaturgie." Statistisch gesehen war es ein knappes Duell: Hull mit zwölf, Villa mit zehn Abschlüssen. Der Ballbesitz sprach leicht für die Hausherren (56 zu 44 Prozent), die am Ende auch mehr investierten. Dass beide Teams aggressiv zu Werke gingen, zeigte nicht nur die Tackling-Quote, sondern auch zwei Gelbe Karten - Dimas Rocha auf Seiten Villas (37.) und Billy Chamberlain bei den Tigers (87.). Nach Abpfiff blieb Ron Li noch eine Weile auf dem Rasen stehen, sah den Fans zu, die trotz frierender Finger jubelten. "Das war kein Kunstwerk, aber ein ehrlicher Sieg", sagte er schließlich. Und dann, schon halb im Spielertunnel, drehte er sich noch einmal um: "Und jetzt bitte heißen Tee. Ich hab meine Stimme in der 90. Minute verloren." Hull dagegen trat die Heimreise an mit dem bitteren Gefühl, viel Aufwand betrieben und am Ende doch nichts geholt zu haben. "Wir müssen lernen, Spiele zuzumachen", meinte Kapitän Wiltshire resigniert. "Und vielleicht weniger höflich verteidigen." So endete ein Abend, der als grauer Januarabend begonnen hatte und mit einem goldenen Schuss endete. Midlands Villa jubelt, die Tigers knurren - und irgendwo in der Kabine summte wohl jemand leise: "So schmeckt Sieg, wenn er spät kommt." Ein bisschen Pathos darf eben sein - besonders, wenn der Fußball wieder einmal beweist, dass 90 Minuten manchmal erst in der 90. beginnen. 18.06.643987 09:30 |
Sprücheklopfer
Ich habe viel mit Mario Basler gemeinsam. Wir sind beide Fußballer, wir trinken beide gerne mal einen, ich allerdings erst nach der Arbeit.
Felix Magath