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Ein lauer Januarabend, Flutlicht, 52.461 Zuschauer im Margate-Stadion - und ein Heimteam, das offenbar beschlossen hatte, seine Gäste aus Southampton an diesem 26. Spieltag der 1. Liga England gleich mit einem halben Dutzend Erinnerungen nach Hause zu schicken. 6:0 hieß es am Ende, und das war, man darf es so sagen, noch schmeichelhaft für den FC Southampton. Schon nach zwei Minuten klingelte es. Armandos Ardizoglou, der bullige Mittelstürmer der Reds, nahm einen Pass von Erik Lydersen auf, tänzelte kurz, schaute Torwart Jacob Weber an - und setzte den Ball eiskalt ins linke Eck. "Ich dachte, wir wären noch beim Warmmachen", murmelte Southamptons Trainer Michael Böning später mit stoischer Miene. Sein Gegenüber, Ata Lameck, grinste breit: "Wir auch - aber Armandos hat wohl schon Feierabend im Kopf gehabt." Was folgte, war ein Angriffswirbel, der die Gäste schwindelig spielte. Brandon Ashton erhöhte in der 21. Minute auf 2:0, nachdem er den Abpraller eines Schusses von Beaulieu einfach souverän abstaubte. Kurz darauf musste Southamptons Routinier Finlay Cort verletzt raus, und mit ihm verschwand auch der letzte Rest Ordnung im Mittelfeld der Gäste. Margate spielte weiter, als gäbe es kein Morgen. Erik Lydersen, 22 Jahre jung und mit der Selbstsicherheit eines erfahrenen Torjägers, traf in der 29. Minute zum 3:0 - nach feiner Vorarbeit von Owen Beaulieu. Nur fünf Minuten später hämmerte derselbe Lydersen den Ball erneut ins Netz, diesmal nach einem Steilpass von Finlay Eliot. 4:0 - und die Fans der Reds stimmten schon in der ersten Halbzeit Lieder an, die nach Meisterschaft rochen. Das 5:0 ließ nicht lange auf sich warten: Brandon Ashton, wieder er, vollendete in der 35. Minute eine Kombination über Noah Eliot mit der Leichtigkeit eines Mannes, der genau weiß, dass heute alles klappt. Beim Pausenpfiff blickten sich die Southampton-Spieler an, als suchten sie jemanden, der den Albtraum beendet. "Ich habe den Jungs gesagt: Bitte nicht noch mal fünf", berichtete Böning später mit bitterem Lächeln. Tatsächlich stabilisierte sich Southampton nach der Pause leicht - oder besser gesagt: Margate nahm das Tempo heraus. Die Reds verwalteten, ließen Ball und Gegner laufen, gönnten sich hier und da ein Schussfeuerwerk (21 Torschüsse insgesamt) und wechselten durch. Mathias Herlovsen kam, Karl Riedel kam - und man hatte das Gefühl, selbst der Platzwart hätte heute eine Vorlage geben können. In der 78. Minute fiel dann das letzte Tor des Abends. Und es passte zu diesem Spiel: Ardizoglou, der den Torreigen eröffnet hatte, schloss ihn auch. Nach einer butterweichen Flanke des eingewechselten Karl Riedel köpfte der Grieche zum 6:0 ein. Der Jubel? Verhaltener als erwartet - vermutlich aus Mitleid. "Ich hab kurz überlegt, ob ich vorbeiköpfe", sagte Ardizoglou später grinsend, "aber das hätte Ata nicht gefallen." Trainer Lameck nickte nur trocken: "Er kennt mich." Die Statistik sprach eine ebenso deutliche Sprache wie die Anzeigetafel: 56,8 Prozent Ballbesitz für Margate, 21 Schüsse aufs Tor, während Southampton ganze einen (!) verzeichnete - in der 90. Minute durch Sebastiano Carlucci. Torwart Joshua Hannigan musste sich dabei wohl kurz daran erinnern, dass er tatsächlich auch mitspielt. Bei allem Spott: Die Reds präsentierten sich in blendender Form. Das Angriffstrio Ardizoglou-Lydersen-Ashton harmonierte blind, das Mittelfeld um Noah Eliot und Finlay Eliot diktierte das Tempo, und selbst nach der Verletzung von Innenverteidiger Danijel Turina (fünfte Minute) stand die Defensive wie eine Wand. "Wir haben heute gezeigt, dass Offensivfußball auch Disziplin braucht", erklärte Lameck nach dem Spiel mit einem Anflug von Bescheidenheit, der ihm sichtlich Mühe bereitete. Auf die Frage, ob er nun vom Titel träume, entgegnete er: "Ich träume nur davon, dass Brandon endlich mal den Ball abspielt." Für Southampton bleibt nur die Erkenntnis, dass Offensive allein keine Idee ist. Die Gäste begannen mit offensiver Ausrichtung, aktivem Pressing und viel Mut - und zogen sich in der zweiten Hälfte in ihr Schicksal zurück. "Wir haben versucht, lange Bälle zu spielen", sagte Böning, "aber offenbar waren sie zu lang." Als die Lichter im Stadion erloschen, applaudierten die Fans den Reds noch Minuten lang. Ein Abend, an dem Margate Fußball zelebrierte - und Southampton wohl lernte, dass ein 6:0 manchmal weniger weh tut als das Gefühl, nie wirklich dagewesen zu sein. Oder, um es mit einem Fan auf der Tribüne zu sagen: "Das war kein Spiel. Das war eine Demonstration." Und man möchte hinzufügen: eine, die man so schnell nicht vergisst. 16.11.643987 00:21 |
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