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London - Ein nasskalter Freitagabend, 40.000 durchnässte Fans im Stadion und ein Spiel, das so gar nicht zum gemütlichen Sofaabend mit Tee passte. Stattdessen boten die London Gunners und die Margate Reds am 29. Spieltag der 1. Liga England ein turbulentes 2:3 (1:2), das alles hatte: frühe Tore, Gelbe Karten im Doppelpack - und ein Gastteam, das den Hausherren mit unbändiger Lust am Chaos die Punkte raubte. Schon nach zehn Minuten platzte der erste Gunners-Schirm: Didier Marceau, der flinke Linksaußen der Reds, zog nach Zuspiel von Zivojin Basta von der Strafraumkante ab - 0:1. "Ich hab einfach draufgehalten, der Ball war so schön nass", grinste Marceau später. Trainer Ata Lameck kommentierte trocken: "Das war kein Glück, das war Physik." Die Gunners wirkten danach wie jemand, der bei Regen den Bus verpasst - viel Bewegung, aber wenig Richtung. Und Margate nutzte das eiskalt: In der 24. Minute stieg Innenverteidiger Atilay Demirel nach einer Ecke am höchsten und köpfte das 0:2. Sogar die Heimfans raunten anerkennend. "Das war sein erstes Tor seit der Jugend", witzelte Lameck, bevor er ernst nachschob: "Manchmal müssen die Verteidiger zeigen, wie’s geht." Die Gunners, vom sonst so ruhigen Coach Mario Roth lautstark aufgerüttelt ("Ich will keine Spaziergänger sehen!"), fanden kurz vor der Pause zurück ins Spiel. Lewis MacLaren, der quirlige Linksaußen, nahm einen Pass von Georges Jürgens auf, täuschte zwei Verteidiger an und drosch den Ball in die kurze Ecke - 1:2 (38.). Das Stadion tobte, und Roth jubelte, als hätte jemand seine Steuererklärung für ihn erledigt. Mit 55 Prozent Ballbesitz und acht Abschlüssen hatten die Gunners zwar mehr vom Spiel, doch Margate war das effizientere Team - 14 Schüsse, jeder zweite gefährlich. In der zweiten Hälfte verschoben sich die Kräfte kaum. Die Reds blieben offensiv, aggressiv, pressingfreudig - und manchmal auch etwas zu beherzt: Erst sah Mittelfeldmotor Noah Eliot Gelb (57.), kurz darauf folgte Linksverteidiger David Reacock (66.). "Wir wollten halt zeigen, dass wir da sind", sagte Reacock mit einem Grinsen, das nicht ganz schuldbewusst wirkte. Dann die Szene des Abends: In der 61. Minute brachte Lionel Postiga die Reds mit 3:1 in Führung, nach einem präzisen Zuspiel von Robert Amyot. Die Gunners-Verteidigung? Im falschen Film. Postiga lief allein auf Keeper Dorian Verguts zu und schob seelenruhig ein. "Ich hatte so viel Zeit, ich hätte noch einen Kaffee trinken können", spottete er nach Abpfiff. Roth reagierte mit verzweifeltem Gestikulieren und lautstarkem Coaching, das auch die erste Reihe der Tribüne hören konnte. Doch sein Team brauchte bis zur 86. Minute, um noch einmal Hoffnung zu schöpfen: Adam Ross traf nach Vorlage von MacLaren zum 2:3. Plötzlich wachte das Stadion wieder auf, die Gunners warfen alles nach vorn - und Margate antwortete mit Gelb für Ricardo Da Cru (87.), einem Foul, das so nötig war wie ein Regenschirm im Orkan. In der Nachspielzeit verpasste José Suarez per Volleyschuss den Ausgleich nur um Zentimeter. Der Ball zischte über das Tor, und man hörte Roth nur murmeln: "Das ist unser Glück - es fliegt immer drüber." Statistisch gesehen hätten die Londoner das Spiel wohl gewinnen "müssen" - mehr Ballbesitz, mehr Struktur, mehr Geduld. Aber Fußball ist keine Excel-Tabelle. Die Reds spielten mutig, direkt, mit langen Pässen und kompromissloser Physis. "Wir wollten sie gar nicht groß spielen lassen", erklärte Coach Lameck. "Nur groß ärgern. Hat ganz gut geklappt, oder?" Roth blieb fair: "Margate hat clever gespielt. Wir dagegen haben uns zu sehr auf Schönheit konzentriert. Vielleicht sollten wir nächste Woche einfach mal hässlich gewinnen." Als die Spieler im Regen Richtung Kabine trotteten, klatschten einige Gunners-Fans trotzdem Beifall. "Sie haben wenigstens gekämpft", sagte ein Zuschauer, während er sich seine durchnässte Fahne wie ein Handtuch um den Hals wickelte. Und man konnte ihm kaum widersprechen. Am Ende stand ein 2:3, das für die Gunners schmerzte, für die Reds aber wie ein Befreiungsschlag wirkte. Die 40.000 Zuschauer hatten zwar nasse Füße, aber eine Geschichte, die sie am nächsten Tag mit glänzenden Augen erzählen konnten. Und vielleicht, nur vielleicht, war das ja der eigentliche Sieg des Abends. 20.12.643987 18:17 |
Sprücheklopfer
Das ist das größte Kompliment, was sich eine Mannschaft zuteil werden kann.
Günter Netzer