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Ein Montagabend unter Flutlicht, 59.000 Zuschauer, englisches Wetter zwischen Niesel und Hoffnung - und am Ende ein Spiel, das die Statistik beinahe Lügen strafte. Die Margate Reds, mit weniger Ballbesitz (46 %) und einem Schuss weniger aufs Tor (11 zu 12), gewannen ihr Heimspiel gegen Barrow AFC mit 3:1. Und das, obwohl die Gäste über weite Strecken so taten, als hätten sie die Kugel gemietet. Schon in der 12. Minute brachte der erfahrene Herman Pederson seine Reds in Führung. Nach einem schnellen Doppelpass mit Rechtsaußen Benjamin Beglin schlenzte der 32-Jährige den Ball präzise ins linke Eck - so locker, dass man fast glauben konnte, er habe beim Schuss gähnen müssen. "Ich wollte ihn eigentlich flanken, aber wenn’s passt, dann passt’s", grinste Pederson später mit einem Augenzwinkern. Doch die Freude währte nur kurz. Acht Minuten später glich Barrow aus. Vincent Silfredo, der junge Linksaußen mit dem Selbstbewusstsein eines Rockstars, verwandelte eine Vorlage von Cesar Vazquez zum 1:1. "Wir wollten Margate zeigen, dass wir nicht nur mitspielen, sondern mitmischen", knurrte Barrow-Trainer Ingo Königs nach dem Spiel - ein Satz, der in Minute 51 wohl noch glaubwürdig klang. Denn dann kam Noah Eliot. Der zentrale Mittelfeldmann der Reds, sonst eher der stille Lenker, zog nach einer Vorlage von Lionel Postiga aus knapp 20 Metern ab. Der Ball klatschte an den Innenpfosten, sprang über die Linie, und das Stadion vibrierte. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Eliot später trocken. "Trainer Lameck meinte in der Pause, wir sollen mehr Mut zeigen - also hab ich mir das wörtlich genommen." Barrow versuchte zu antworten, aber ihre Angriffe wirkten zunehmend verzweifelt. Zwischen der 37. und 46. Minute feuerten sie gleich viermal aufs Tor, doch Reds-Keeper Joshua Hannigan pflückte die Versuche weg wie Äpfel im Herbst. Als dann auch noch Thomas Fournier nach einem rustikalen Einsteigen Gelb sah (31.), war klar: Die Gäste spielten mit Feuer - aber ohne Flamme. In der 66. Minute fiel die Entscheidung. Lionel Postiga, bis dahin eher unauffällig, setzte sich nach einem klugen Zuspiel von Pederson durch und schob eiskalt zum 3:1 ein. Das Publikum tobte, Trainer Ata Lameck ballte die Faust, und Postiga grinste: "Ich hab den Ball gesehen und gedacht: Warum eigentlich nicht?". Barrow wechselte fröhlich durch - Musgrave kam für Fournier, später durfte der 18-jährige Benjamin Huxley noch ein paar Minuten Erstligaluft schnuppern - doch am Spielgeschehen änderte sich wenig. Auch der erfahrene Alfie Ross, eingewechselt in der 58. Minute, brachte mit seinen Schüssen (77.) keine Wende mehr. In der Schlussphase wurde es noch einmal hitzig. Atilay Demirel von den Reds sah in der 78. Minute Gelb, nachdem er Silfredo mit einem rustikalen Tritt stoppte. "Ich hab den Ball getroffen - irgendwo muss er ja gewesen sein", verteidigte sich Demirel später lachend. Kurz darauf kassierte Barrows Lankford (86.) ebenfalls Gelb - der Schiedsrichter hatte sichtlich genug von britischer Freundlichkeit. Statistisch betrachtet war das Spiel enger, als das Ergebnis vermuten lässt. Barrow hatte mehr Ballbesitz und einen Hauch mehr vom Spiel, doch Margate zeigte, was Effektivität bedeutet: drei Tore aus elf Schüssen, dazu eine lässige Körpersprache, die selbst Trainer Lameck überraschte. "Ich hab selten eine Mannschaft gesehen, die mit so wenig Aufwand so viel Ertrag holt", gab er zu. Während Barrow-Coach Königs nach Schlusspfiff ratlos auf die Anzeigetafel blickte ("Ich verstehe es einfach nicht - wir hatten doch den Ball"), sangen die Heimfans längst ihre Helden in die Nacht. Die Reds bleiben damit im oberen Tabellendrittel der 1. Liga England auf Schlagdistanz zur Spitze - und das mit einem Stil, der irgendwo zwischen Pragmatismus und Poesie pendelt. Zum Schluss fasste es Pederson am besten zusammen: "Manchmal ist Fußball eben kein Spiel der Zahlen. Sondern der Momente." Und dieser Montagabend in Margate hatte gleich drei davon - alle in Rot. 04.11.643987 10:35 |
Sprücheklopfer
Heute herrscht schweigende Stille.
Rudi Assauer