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Ein lauer Februarabend im Old Trafford, 59.000 Zuschauer, Flutlicht, große Namen - und am Ende ein Ergebnis, das sich für Manchester Devils wie eine kalte Dusche anfühlt: 1:1 gegen Barrow AFC. Ein Punkt, der für die Gäste wie ein Pokalsieg schmeckte, für die Hausherren aber eher nach verschüttetem Tee roch. Dabei fing alles an wie aus dem Drehbuch des großen Fußballs. Manchester dominierte den Ballbesitz - über 60 Prozent -, ließ ihn zirkulieren, als wäre er ein wertvolles Erbstück. Barrow dagegen stand tief, bissig, und lauerte auf den Moment, in dem einer der rot gekleideten Teufel kurz den Kopf hob, um sich selbst zu bewundern. Dann ging’s los. In der 34. Minute war es Logan Nolan, der den Ball mit einem trockenen Linksschuss ins lange Eck setzte. Manuel Pastorino hatte ihn zuvor mustergültig bedient, und das Stadion erhob sich, als wäre das 1:0 der Auftakt zu einem Schützenfest. "Ich dachte, jetzt läuft’s", grinste Nolan nach dem Spiel. "Aber Fußball ist halt kein Wunschkonzert." Nur sechs Minuten später kam die kalte Realität. Ausgerechnet der linke Verteidiger der Gäste, Afanas Myschkin, machte sich auf, die Geschichte zu korrigieren. Nach Vorarbeit von Ari Lampi drosch Myschkin den Ball aus spitzem Winkel in die Maschen. 1:1 - und das Publikum rieb sich die Augen. "Ich schieße nicht oft Tore", sagte Myschkin später, "aber wenn, dann so, dass man sie nicht vergisst." Danach? Ein Spiel, das an Tempo, aber nicht an Dramatik verlor. Die Devils suchten verzweifelt die Lücke, schossen zwölfmal aufs Tor, trafen aber nur die Nerven ihrer Fans. Barrow konterte geschickt, acht Abschlüsse, einer davon hätte in der 56. Minute beinahe den Spielverlauf auf den Kopf gestellt - Hennessy zwang Keeper Boyle mit einem strammen Schuss zu einer Glanzparade. Dann kam die Szene, die das Spiel endgültig in den Bereich des Skurrilen verschob. In der 63. Minute sah Torschütze Myschkin glatt Rot. Ein rustikales Einsteigen gegen Nolan, der danach mit einem Pflaster auf der Wade und einem Lächeln in der Mixed Zone stand. "Er hat mich wohl verwechselt - mit dem Ball", witzelte der Stürmer. Barrow nun in Unterzahl, doch die Devils fanden kein Rezept. Trainer Reto Klopfenstein gestikulierte wild an der Seitenlinie, wechselte offensiv: Christow kam, später Kisa, dann Swetlow. Der Ballbesitz stieg, der Puls des Publikums ebenso - aber das Netz blieb unberührt. "Wir haben alles versucht", seufzte Klopfenstein nach Abpfiff. "Manchmal ist Fußball wie ein schlechter Witz: Du erzählst ihn, keiner lacht, und am Ende fragt man sich, warum man’s überhaupt versucht hat." Auf der anderen Seite grinste Ingo Königs, Barrows Trainer, mit der stoischen Ruhe eines Mannes, der weiß, dass er gerade etwas Historisches geschafft hat. "Ein Punkt in Manchester - das nehmen wir mit nach Barrow, rahmen ihn ein und hängen ihn in die Kantine", sagte er. Die letzten Minuten glichen einem Belagerungszustand. Manchester stürmte, Barrow verteidigte mit Herz, Helm und allem, was der Fußball erlaubt. In der 90. Minute fasste sich Jean-Pierre Bettencourt ein Herz, zog von rechts ab - Goalie Beecroft lenkte den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte. Die 59.000 im Stadion hielten den Atem an, dann den Kopf in den Händen. Statistisch gesehen hätten die Devils gewinnen müssen: mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, mehr Luft in der Lunge. Aber Statistik schießt keine Tore, und manchmal reicht ein übermotivierter Verteidiger, um Favoriten ins Grübeln zu bringen. "Es fühlt sich an wie eine Niederlage", meinte Kapitän Pastorino. "Aber vielleicht ist es auch ein Weckruf, dass Namen keine Spiele gewinnen." Barrow hingegen feierte, als hätten sie den Klassenerhalt schon in der Tasche. Junge Spieler wie der 18-jährige James Lankford, der Gelb sah, aber sich in jeden Zweikampf warf, wurden von den Fans bejubelt, als wären sie Helden eines Films, in dem der Kleine den Großen ärgert - und am Ende grinst. Als die Flutlichtlampen langsam herunterdimmen und der Rasen nass glänzt, bleibt das Gefühl, dass der Fußball wieder einmal seine Lieblingsgeschichte erzählt hat: die vom Underdog, der sich nicht einschüchtern lässt. Und irgendwo auf dem Heimweg murmelt ein Fan der Devils: "Wenn wir so weiterspielen, brauchen wir bald keine Gegner mehr - wir schlagen uns selbst." Ein 1:1, das mehr sagt als jede Niederlage - und wohl noch eine Weile im Gedächtnis der 59.000 bleiben wird. 21.03.643990 12:00 |
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So schnell wie ich heute gelaufen bin, konnte mich keine Kamera einfangen.
Mario Basler